Montag, 8. November 2010

Interview: Jörg Juretzka

Ein Herz für Kleinkriminelle
Jörg Juretzka hält nicht viel von Mördern und Literaturpreisen. Dabei hat er schon dreimal den Krimipreis gewonnen.
Mülheim. Manche halten ihn für den besten Krimiautor im Lande: Jörg Juretzka. Mit dem Deutschen Krimpreis ist der gebürtige Mülheimer jedenfalls schon dreimal ausgezeichnet worden. Auch sein jüngstes Buch „Rotzig & Rotzig“ (Rotbuch Verlag) liest sich preisverdächtig gut. Allerdings sollte man ein Faible für den skurrilen Ruhrpott-Charme haben, mit dem Juretzka die Figur des Privatdetektivs Kristof Kryszinski ausstattet. Im Gespräch mit NRZ-Redakteur Nikolaos Georgakis verrät der 55-Jährige, der vor seiner Schriftstellerkarriere als Zimmermann in Kanada Blockhütten baute, warum ihm Leichen so gut wie egal und Literaturpreise suspekt geblieben sind – und warum er trotz seines Erfolgs manchmal auf Baustellen arbeitet.

Frage: Herr Juretzka, im Vergleich zu Ihren Kollegen Henning Mankell oder Stig Larsson verschwenden Sie in Ihren Krimis auffallend wenig Energie auf Ihre Leichen.

Antwort: Irgendwie muss man sich ja von dem ganzen blutrünstigen Rest unterscheiden. Deshalb arbeite ich auch mit Humor, was viel schwieriger ist. Die Angelsachsen sagen: „Jeder kann so tun, als ob er hart wäre. Aber niemand kann vorgaukeln, witzig zu sein.“

Frage: Jedenfalls wird bei Ihnen auffallend wenig gemordet.

Antwort: Stimmt. Diese allgemeine Fixiertheit auf Mord in den internationalen Krimiproduktionen hängt mir auch unglaublich zum Hals heraus. Es gibt tausend andere Verbrechen, die oft vielschichtiger und interessanter sind. Außerdem beschreibe ich einen Privatdetektiv, der sich als alles andere als den verlängerten Arm des Gesetzes sieht. Was soll der in einer Mordermittlung?

Frage: Sie haben Ihren Privatermittler Kryszinski jedenfalls so angelegt, dass ihn ein vom zehnten Stock vor die Füße gefallener Hausmeister wenig beeindruckt. Muss man im Ruhrgebiet aufgewachsen sein, um in einem so sarkastischen, ja rotzigen Ton schreiben zu können, wie Sie es tun?

Antwort: Der Ruhrpöttler ist ein humorbegabter Fatalist. So was prägt den Stil.

Frage: Inmitten der sozialen Trostlosigkeit zwischen den Hochhaussiedlungen Ihrer Heimatstadt Mülheim, in der Sie ja Ihr jüngstes Buch ansiedeln, gelingen Ihnen geradezu lyrische Sprachbilder....

Antwort: Brechung ist eben alles. Brechung ist, was meine Romane in der Balance hält.

Frage: Schreibt es sich mit literarischen Preisen im Bücherregal anders als ohne Auszeichnungen?

Antwort: Nein, aber man wird von Literaturkritikern besser besprochen. ‘Wer so viele Preise bekommen hat, kann nicht ganz schlecht sein’, heißt es dann.

Antwort: Aber das ist meiner Ansicht nach Blödsinn. Die Kriterien für die Vergabe von Literaturpreisen sind oft vollkommen rätselhaft. Man denke nur an den Nobelpreis.

Frage: Mit Llosa hat immerhin ein auch im Krimi-Genre bewanderter Autor den Nobelpreis bekommen...

Antwort: Mario Vargas Llosa ist tatsächlich eines meiner Idole. Entsprechend habe ich mich für ihn gefreut.

Frage: Und wie ist es mit den Erwartungen Ihrer Leser? Schreiben die Ihnen, wie es gefälligst mit Kommissar Kryszinski weiterzugehen hat?

Antwort: Viele, vor allem die jüngeren Leser, wünschen sich eine größere Beteiligung von Kryszinskis bestem Freund, dem Kleindealer Scuzzi. Sie sollen im nächsten Buch ihren Willen kriegen.

Frage: Ihr nächstes Buch, an dem Sie gerade schreiben, wird also wieder ein Krimi mit dem schrulligen Kryszinski in der Hauptrolle?

Antwort: Ja, es wird der mittlerweile - unglaublich, eigentlich - zehnte Roman mit Kristof Kryszinski werden. Der vorläufige Titel ist ‘Freakshow’, die Story wird in Duisburg spielen, und das Buch soll nächsten September erscheinen.

Frage: Stimmt es, dass Sie auch weiterhin auf dem Bau arbeiten?

Antwort: Das stimmt. Ein paar Monate im Jahr muss das sein, und sei es nur, um sich den Kopf mal wieder richtig freizublasen. Immer nur schreiben wird irgendwann auch öde.

Text: Nikolaos G e o r g a k i s, erschienen in der Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung (NRZ) vom 30. Oktober 2010
Fotos: Rotbuch Verlag

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