Sonntag, 17. Oktober 2010

"Zerbrechlich": Jodi Picoults neuer Roman

Jodi Picoult über ein Leben voller Brüche

Hanover. Ein Besuch bei der US-amerikanischen Erfolgsautorin Jodi Picoult, die aus moralischen Fragen Bestseller macht. Ihr neuer Roman: „Zerbrechlich“.


Wenn Fremdheit tatsächlich die Abwesenheit des Gewohnten ist, dann fängt sie im amerikanischen Hanover schon mit dem fehlenden „n“ an. Die malerische Kleinstadt liegt nahe am Connecticut-Fluss in New Hampshire, mit dem Auto zweieinhalb Stunden von Boston entfernt. Selbst die Nachbargemeinden tragen Namen, die man an diesem Ort der Erde nicht vermuten würde. Lebanon etwa. Oder Etna. Wenigstens verhalten sich die Bäume so, wie es für diese Jahreszeit üblich ist: Sie schütteln die rot und gelb gewordenen Blätter ab wie die Menschen lästig gewordene Erinnerungen.

Die Erfolgsautorin Jodi Picoult lebt seit 16 Jahren etwas außerhalb von Hanover, auf einem Gutshof mit Mann, Kindern und einer Arche Noah voller Tiere. Hier schreibt die gebürtige New Yorkerin Romane, die weltweit als Bestseller gehandelt werden – und das mittlerweile im Jahresrhythmus. Schreibblockaden und Depressionsschübe, wie sie beispielsweise einen Jonathan Franzen vor jedem neuen Buch heimsuchen, scheinen der 43-Jährigen jedenfalls fremd. Sie pflegt auch keine schrulligen Rituale, um ihrer Kreativität ein Startsignal zu geben. „Wenn die Kinder aus dem Haus sind, setze ich mich an den Schreibtisch und lege los. Manchmal sogar noch im Pyjama“, sagt Jodi Picoult im Gespräch.

Auf Deutsch ist nun ihr Buch „Zerbrechlich“ erschienen. Es ist die Geschichte eines Mädchens, das an „Osteogenesis imperfecta“ leidet, der so genannten „Glasknochenkrankheit“. Tatsächlich hat die US-Amerikanerin mit französischen Vorfahren einen hervorragend erzählten Familien- und Gesellschaftsroman geschrieben, in dem es im Kern um die Frage geht: Würde ich mein Kind abtreiben lassen, wenn ich wüsste, dass es schwer erkrankt oder behindert ist?

Wie würde sich die dreifache Mutter entscheiden?


„Die Eltern von Kindern mit einer Glasknochenkrankheit, mit denen ich gesprochen habe, beantworteten mir diese Frage alle mit Nein“, erzählt Jodi Picoult. Wie sie, die dreifache Mutter, sich in einer solcher Situation verhalten würde? „Ich habe mir eine Meinung zu diesem Thema gebildet, aber ich weiß auch, dass sich mein Standpunkt erst in der konkreten Situation als solcher erweisen müsste.“

Die Mutter in ihrem Buch wird standhaft bleiben – und vor Gericht lügen. Weil der genetische Defekt ihrer Tochter bei der Ultraschalluntersuchung nicht entdeckt wurde, hatte sie keine Wahl. Nun hat sie die Möglichkeit, eine Entschädigungssumme zu erstreiten, die ihrer Tochter ein besseres Leben ermöglichen könnte. Sie muss allerdings vor den Geschworenen behaupten, sie hätte das Kind, das sie so liebt, abgetrieben. Natürlich ist in ihrem 600-seitigen Werk alles noch viel komplizierter.

Man merkt die Methode

Jodi Picoult ist zurecht eine der populärsten Autorinnen unserer Zeit. Ihr jüngster Roman zeigt jedoch zugleich, dass hohe Produktionszahlen auch in der Literatur nur mit Blaupausen möglich sind. Anders formuliert: Man merkt die Methode und ist verstimmt. Nur ein Beispiel von vielen: Bereits in „Beim Leben meiner Schwester“ (mit Cameron Diaz in der Hauptrolle verfilmt), klagt ein Mädchen gegen seine Eltern. Sie möchte nicht mehr das Ersatzteillager für ihre an Leukämie erkrankte Schwester sein.

Die moralischen Dilemmata im Werk von Jodi Picoult mögen austauschbar geworden sein. Indem uns die Autorin aber ihre Geschichten aus den unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt, gewinnen wir Leser vor allem eine Einsicht: Dass der feste Boden unter unseren Füßen, den wir Standpunkt nennen, nur eine Illusion ist. Und wie wichtig es ist, sich dieser hinzugeben.

Jodi Picoult: Zerbrechlich, Bastei Lübbe, 624 Seiten, 19,99 Euro

Text: Nikolaos Georgakis, erschienen in der
Neuen Rhein/Ruhr Zeitung (NRZ) vom 16. Oktober 2010
Foto: Olivier Favre/Bastai Lübbe

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