Samstag, 16. Januar 2010

Angela Merkel verstehen

Das Schweigen der Kanzlerin
Der Düsseldorfer Schriftsteller Martin Baltscheit hat seine Erlebnisse als Merkel-Praktikant in einem Buch zusammengefasst

Düsseldorf. Eigentlich ist Martin Baltscheit Schriftsteller und Comic-Zeichner. Doch das hielt den gebürtigen Düsseldorfer nicht davon ab, ein Praktikum im Kanzleramt zu absolvieren. Seine Erfahrungen in der Regierungszentrale hat er im Buch „Ich und die Kanzlerin“ festgehalten - erzählt aus der Perspektive einer 14-jährigen Schülerin. NRZ-Autor Nikolaos Georgakis traf Baltscheit zum Interview.

Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Praktikum?

Aus einem Gespräch mit meiner Tochter heraus. Wir sprachen über ihre Berufsperspektiven. Ich schlug ihr vor, Kanzlerin zu werden. Sie meinte aber, dass dieses Amt doch eher was für mich wäre.

Sie arbeiten auch als Schauspieler und sprechen Hörbücher. Was fällt Ihnen da zur Sprache und Mimik der Kanzlerin ein?

Manchmal habe ich das Gefühl, dass alle, die in die Öffentlichkeit wollen und kein schauspielerisches Talent haben, Politiker werden. Aber mein Gott, von einem Chirurgen verlange ich doch auch nur, dass er gut operieren kann und nicht, dass er gut aussehen muss. Eine Rhetorik-Kanone ist Merkel sicherlich nicht, nein, aber es soll Menschen geben, die ihre inhaltliche Arbeit schätzen.

Gegenwärtig ist eher vom gesammelten Schweigen der Kanzlerin die Rede…

…ja, und dass sie mit der Faust auf den Tische hauen soll. Also so ein Quatsch, ehrlich. Ich weiß beim besten Willen nicht, wo diese Sehnsucht herkommt. Wie würde das denn aussehen, wenn sich Merkel plötzlich breitbeinig hinstellt und in Franz-Josef-Strauß-Manier lospoltert? Da würden doch alle lachen! Merkel ist keine Frau, die eine Show abziehen möchte. Sie will vielmehr ihren Schreibtisch abarbeiten und dabei nicht ständig von Hau-Drauf-Wünschen bedrängt werden.

Wie ist denn die Arbeitsatmosphäre im Kanzleramt?

Da wird sehr strukturiert und konzentriert gearbeitet. Ich habe wirklich einen Heidenrespekt vor dem Job, den Merkel da macht. Die fängt morgens um 7.30 Uhr an und empfängt lächelnd um 22 Uhr dann glatt noch Peter Maffay. In diesem Moment war ich längst fix und fertig und lag in Gedanken in der Badewanne.

Sind Ihnen Marotten an der Kanzlerin aufgefallen?

Oh ja! Sie hat ihre Gesichtsmimik irgendwie nicht im Griff. Ich habe sie im Kanzleramt bei einem Empfang erlebt und mir am Ende an die 30 Gesichtsausdrücke notiert. Merkel kommentiert damit unfreiwillig immer das Gesagte. Das hat mich an Schauspieler erinnert, die nicht wissen, wohin sie mit ihren Händen sollen.

Merkel kann ihr Gesicht ja nicht in ihrer Tasche verschwinden lassen.

Nein, aber irgendjemand muss ihr gesagt haben, „Schätzeken, halt mal die Hände vor den Bauch, dat sieht besser aus und macht einen geraden Rücken“. Dass macht sie nun immer ganz tapfer. Sogar dann, wenn es nicht passt.

Text: Nikolaos G e o r g a k i s
Erschienen in: Neue Rhein/Ruhr Zeitung (NRZ)
vom 15. Januar 2010
Foto: Boje-Verlag

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