Mittwoch, 27. Januar 2010

Marcello D’Orta: "Kommen Tiere in den Himmel?"

Rotzig gnadenlose Beinaheweisheiten aus den Klassenzimmern Neapels

Klarer Fall: Auf diesem Buch fehlt der dringende Warnhinweis „Bitte nicht abends vorm Einschlafen im Bett lesen - Sie könnten sonst mit ihrem Lachen die Nachbarn wecken.“ Was Marcello D’Orta in seinem gebunden Schatzkästchen mit dem Titel „Kommen Tiere in den Himmel?“ an munteren Stilblüten und rotzig, gnadenlosen Beinaheweisheiten aus den Schulaufsätzen neapolitanischer Kinder zusammengetragen hat, ist manchmal unfreiwillig, großteils aber sau- bis brüllend komisch. Etwa wenn auf die Frage „Wie denkst du darüber, dass jedes Jahr Hunderte von Hunden sterben, die von ihren herzlosen Besitzern am Straßenrand ausgesetzt werden?“ mit unerschütterlicher Gewissheit geschrieben steht: „Wenn diese Menschen sich röntgen lassen, kommt heraus, dass sie kein Herz haben.“ Oder: „Also wenn es dann noch ein Tierarzt ist (...), dann hat der gleich zweimal kein Herz.“

Das Prinzip D’Ortas hat sich bewährt. In seiner Zeit als Lehrer begann er Anfang der 1990er-Jahre die schrillsten Aphorismen seiner Schüler aus dem Umland Neapels zu sammeln – und gab sie anonymisiert heraus. Der Erfolg der Bücher „Gott hat uns alle gratis erschaffen“ oder „In Afrika ist immer August“ war und ist enorm; nicht nur in Italien, wo die Auflage in die Millionen geht.

Elend der Lebensumstände

Selbst deutsche Literaturkritiker wollen in Marcello D’Orta einen Martin Luther erkannt haben, der den Leuten aufs Maul schaut. Nur dass bei D’Orta diese Leute klein sind. Bei diesem Buch ist aber nicht nur komisch.

Es ist auch berührend, weil sich aus mancher Zeile das Elend der Lebensumstände herauslesen lässt, in dem diese Kinder aufwachsen. Beispielsweise beantwortet ein Schüler die Frage, welches Tier er denn gerne sein würde mit: „Ein Pitbull, um die Verbrecher zu zerfetzen.“ Ein anderer will von Tieren wissen, in deren Mägen „Drogen und Marlboros“ versteckt werden. Goethes Bonmot, nachdem alles in Neapel Meer, Himmel und Hölle sei, findet auch auf diesen 125 Seiten seine Bestätigung.

Und natürlich kennen sich die Pennäler aus dieser magischen Stadt, in der die Verbindung zwischen Religion und Aberglauben innig ist, besonders gut in theologischen Fragen aus. Entschlossen widersprechen einige gar Darwins Evolutionsthese mit Gegenfragen wie: „Wenn der Mensch vom Affen abstammt, von wem stammen dann die Affen ab?“ Dialektische Finesse zeigt auch das Argument: „Wenn Adam und Eva zwei Affen waren, hätte Gott nicht gesagt ‚Esst nicht vom Apfel’, sondern ‘Esst nicht von der Banane’“.

Marcello D’Orta: Kommen Tiere in den Himmel? Neue Schulaufsätze neapolitanischer Kinder über Mensch und Tier, 128 Seiten, 14.90 Euro

Text: NIKOLAOS G E O R G A K I S
Erschienen in: Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung (NRZ)
vom 26. Januar 2010

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