Dienstag, 20. Oktober 2009

Ein Treffen mit Ai Weiwei

Brüssel. Chinas bekanntester Künstler und Regimekritiker spricht über seine Absage an der Frankfurter Buchmesse und eröffnet in der belgischen Hauptstadt die Ausstellung "The State of Arts" zusammen mit Luc Tuymans.

Wenn Ai Weiwei im Zusammenhang mit der Buchmesse in Frankfurt von einer „schmerzlichen Erfahrung“ spricht, dann ist das nicht nur eine Metapher. Die Wunde, auf dem Kopf von Chinas international bekanntesten Künstler, Architekten und Regimekritiker deutlich sichtbar, verheilt nur langsam. Diese Folge eines brutalen Polizeiübergriffs und einer anschließenden Operation an einem Gerinnsel im Gehirn, zwang Weiwei, seine Teilnahme in Frankfurt abzusagen. Umso erstaunlicher, ihn kurz darauf bei der Arbeit in Brüssel zu treffen, wo er mit dem belgischen Künstlern Fan Di'an und Luc Tuymans die Ausstellung „Der Stand der Dinge“ vorbereitet hat.

„Ja, ich hätte sterben können“, sagt Ai Weiwei im Gespräch mit dieser Zeitung. Auf die Frage, ob er in Brüssel zeigen könne, was er in Frankfurt nicht sagen durfte, antwortet er nur: „Ich werde eine Meinung auch weiterhin äußern, egal wo“. Daran lässt auch die gelungene, ironisch bis poppige Schau in der belgischen Hauptstadt kein Zweifel. Die Zensoren im Land der aufgehenden Sonne nahmen weder an den frittierten Panzern auf dem Platz des tödlichen Friedens von Zheng Guogu Anstoß, noch an den runtergelassenen Hosen von Chi Pengs, einem der wenigen bekennenden Homosexuellen in der boomenden Kunstszene Chinas. Die Ausstellung soll im kommenden Jahr sogar in Peking gezeigt werden. Worte scheinen gefährlicher als Bilder.

Der Buchmesse fern geblieben sei er nur auf Anraten der Ärzte in München, sagt Weiwei. Druck oder gar Drohungen habe es von offizieller chinesischer Seite keine gegeben, versichert der Künstler. Ai Weiwei spricht mit leiser, bedächtiger Stimme. Eine Stimme, die nicht so recht zu seiner wuchtigen Statur passen mag. Genau so wie seine filigranen Finger, mit denen er an der Digitalkamera spielt.

Ai Weiwei fotografiert im Gespräch alle, die ihn filmen, die ihn fotografieren, die ihn interviewen. Sogar seinen Krankenhausaufenthalt dokumentierte er bildreich im Netz.

Es sei aber kein Fehler gewesen, China als Gastland in Frankfurt diese Bühne zu geben: „Diese Buchmesse war für alle freiheitsliebenden Menschen eine schmerzliche Erfahrung, aber es ist gut, in Konflikt miteinander zu geraten“, so Weiwei. Konfrontationen seien allemal besser, als gar nicht miteinander in Kontakt zu treten. „Streit und Schmerzen sind Bestandteil unserer Existenz“. Und man blickt unwillkürlich auf die Narbe an seinem Kopf, die stumm anklagt und nur langsam verheilt.

Text: Nikolaos Georgakis, erschienen in der WAZ und NRZ vom 21. Oktober 2009

Fotos: Bozar Expo

Mehr Informationen zur Ausstellung "The State of Things" in der Kunsthalle Bozar in Brüssel

Fotostrecke zur Ausstellung auf DerWesten.de

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