Donnerstag, 3. September 2009

Lesung: Henning Scherf

Weniger allein
Der beliebte Ex-Politiker Henning Scherf kam am 1. September 2009 nach Kevelaer, um sein neues Buch "Gemeinsam statt einsam" vorzustellen. Weil das SPD-Urgestein aber lieber mit Menschen spricht statt vorzulesen, wurde es eine frei gesprochene Rede über ein gelingendes Leben in einer älter werdenden Gesellschaft.
Dass Henning Scherf eine herausragende Persönlichkeit ist, zeigt sich nicht nur an seiner Körpergröße von 2,04 Meter. Nein, es ist auch die unnachahmliche Art des ehemaligen Bremer Bürgermeisters und SPD-Urgesteins, mit der er auf Menschen zugeht.

So auch bei der Lesung im Konzert- und Bühnenhaus in Kevelaer am Dienstagabend, die er auf Einladung des „Fördervereins Generationshaus” bestritt. Und das regelrecht druckfrisch, hielt Scherf in Kevelaer zum ersten Mal sein neues Buch „Gemeinsam statt einsam” in den Händen. Daraus vorgelesen hat er trotzdem nicht, aber fast drei Stunden lang darüber erzählt und erzählt und erzählt…

Aus Vor-Liebe geheiratet

Aber der Reihe nach: Pünktlich um 20 Uhr betrat der sanfte Riese den Saal, und wer sich bis dahin gefragt hatte, warum die Bremer ihren Scherf schlicht „Henning der Knutscher” nennen, verstand sofort: Über 15 Minuten lang begrüßte der Mann, der in seiner aktiven Politikerzeit mehrmals als Bundespräsident im Gespräch war, sein Publikum. Jeden der 120 Zuhörer einzeln, jeden per Handschlag, viele mit warmen oder launigen Worten („Schauen Sie mal, was ich für ein großes Männchen bin”), einige umarmte er gar wie alte Verwandte. Dabei bekannte Scherf ohne Umschweife, zum ersten Mal in Kevelaer zu sein. Er, der Protestant, freue sich „auf das Milieu hier”. Später bekannte er mit kokettem Scharm noch, er habe seine Frau aus Vor-Liebe geheiratet, ob man denn so was hier sagen dürfe. Durfte man.

Sein Interesse an den Menschen wirkt echt, und ein begnadeter Rhetoriker ist er zudem. Nach fast drei Stunden Scherfscher Dauerwerbesendung für eigene Lebenseinsichten, hatte man glatt das Gefühl, die Hälfte der Zuhörer im Saal ziehe noch am selben Abend in eine Wohngemeinschaft.

Alters-WG bekannt wie Kommune I

Es liegt wohl am Charisma des 71-Jährigen, dem bereits in seiner Zeit als aktiver Politiker das Kunststück gelang, weit über die Grenzen des Bremer Stadtstaats („ich war mal so etwas wie ein Rüttgers”) berühmt und beliebt zu werden. Nicht nur, weil Scherf beinharte Konservative durch seine integre Art in eine Große Koalition kuschelte, sondern auch, weil er mit seiner Frau seit zwei Jahrzehnten in einer Hausgemeinschaft lebt. Inzwischen ist daraus eine Alters-WG geworden, die fast so bekannt ist wie die „Kommune I” im Berlin der 1968er.

Henning Scherf ist Pragmatiker genug, das Unmögliche zu probieren. Seine zentrale These lautet: In einer immer älter werdenden Gesellschaft dürften wir uns nicht auf ein anonymes und überfordertes Sozial- und Gesundheitssystem verlassen. Vielmehr müsse man sich mit Menschen eng zusammentun, die, wie Scherf es sagte, „nicht weglaufen, wenn es schwierig wird, die einen tragen, die um einen sind, wenn man sterben muss”. Sein eigenes Leben, über das der Privatier so erfolgreiche und zuversichtliche Bücher schreibt, soll dabei eine Art Motivation zu mehr gelebter nicht nur geforderter Solidarität sein.

So stand er dann, der „Prototyp der neuen Alten“ nach seiner frei gesprochen Lesung, signierte fröhlich Buch um Buch („ich schreib’ da rein, was immer Sie wollen“). Und ab und an konnte er es wieder nicht lassen – das mit dem Kuscheln. Sage doch einer, der Mann liefere keine handfesten Argumente für seine Ideen von einem gelingenden Leben im Alter.

Text: Nikolaos G e o r g a k i s
Bilder: Herder Verlag
Erschienen in der Neuen Rhein/Ruhr Zeitung (NRZ) und dem Kevelaerer Blatt vom 3. September 2009

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