Donnerstag, 9. Juli 2009

Die Vorleser im ZDF: Interview mit Ijoma Mangold


Vorkoster im Dienste des Lesers
Er ist der Mann an Amelie Frieds Seite: Ijoma Mangold. Der stellvertretende Ressortleiter Feuilleton/Literatur bei der Wochenzeitung Die Zeit und die Ex-3nach9-Moderatorin starten am Freitagabend mit einer Literatursendung im ZDF. Zusammen sind sie: Die Vorleser.

Gratulation zu Ihrem Mut, Herr Mangold.

Ijoma Mangold: Mut? (lacht) Warum?


Nun, immerhin haben Sie noch nie eine Fernsehsendung moderiert.

Mangold: Das ist richtig. Das ZDF hat mich aber nicht als Profimoderator engagiert, sondern als Literaturkritiker. Und mit Amelie Fried hat man eine sehr erfahrene Fernsehfrau geholt, so gibt es eine spannende Mischung unterschiedlicher Erfahrungen und Fähigkeiten, die sich sehr gut ergänzen. Da bin ich sicher.


Und wie kam das ZDF auf Sie?

Mangold: Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht! Irgendwann klingelte das Telefon. Jetzt mach ich es. Auch wenn ich im Leben nicht an das Nachfolgeformat von „Lesen!” gedacht hätte.


Und Sie haben im Gegensatz zu Amelie Fried mehr zu verlieren. Sie kommen aus den ach so hohen Höhen des Feuilletons und begeben sich nun in die Niederungen des Fernsehens, einem Medium, von dem sich Ihre Vorgängerin Elke Heidenreich angewidert abwandte. Ihre Autorität als Kritiker könnte schnell leiden.

"Ich kämpfe gern für meine Überzeugungen"

Mangold: Im Gegenteil: Ich glaube, man kann sehr viel gewinnen. Marcel Reich-Ranicki ist erst mit seiner Sendung (Anm. "Das literarische Quartett") zur übermächtigen Figur der deutschen Literaturkritik geworden, also Kraft des Mediums Fernsehen. Wenig zu gewinnen ist, glaube ich, nicht richtig. Aber viel zu verlieren, da könnten Sie recht haben.


Da Sie schon Ranicki erwähnen, wie halten Sie es mit seiner These, nach der jede Kritik, offen oder getarnt, auch eine pädagogische Absicht enthält? Gehen Sie mit einer Absicht in die Sendung?

Mangold: Ich deute Ranicki so: In allem, worin man eine starke Meinung ausdrückt, stecken unser eigenes Leben, unsere Erfahrungen und Weltbilder. Wenn wir über Bücher ein Urteil fällen, sind da immer unsere eigenen Überzeugungen drin. Und Überzeugungen tendieren dazu, andere auf ihre Seite zu ziehen....


...oder vor den Kopf zu stoßen...

Mangold: ...ich kämpfe gern für meine Überzeugungen und freue mich natürlich, wenn andere die Argumente einsichtig finden. Das hat aber nichts mit dem erhobenen Zeigefinger eines Oberlehrers zu tun. So etwas wäre mir fremd. Wir werden nicht versuchen, jemanden zu erziehen.


Nein, Sie kündigen ja an, zum Lesen verführen zu wollen, und haben mit dem Ausrufezeichen der Vorgängersendung "Lesen!" gleich den kompletten Titel einkassiert. In Anspielung an Bernhard Schlinks Erfolgsroman heißt Ihre Sendung „Die Vorleser”, wobei Sie streng genommen eher „Die Vorkoster” sind.

Mangold: Erwischt! Wir wollten das Wort Vorkoster nur ins Literarische übertragen. Tatsächlich wollen wir gerade nicht in den Schallraum Schlink, sondern eher in das Bedeutungsfeld des Vorkosters, der die Speise probiert, bevor sie der König serviert bekommt. Der König ist der Zuschauer.


Gleichwohl lässt sich Amelie Fried mit dem hörbaren Seitenhieb auf Elke Heidenreich zitieren, man wolle keinen Verkaufskanal starten.

Mangold: Amelies Satz unterschreibe ich jederzeit. Wir wollen nicht daran gemessen werden, ob jedes Buch, über das wir diskutieren, danach auf den oberen Plätzen der Spiegel-Bestsellerliste landet. Das kann nicht der Gradmesser unseres Erfolgs sein.


Und woran wollen Sie sich messen lassen?

Mangold: An der eigenen, inneren Glaubwürdigkeit. Uns geht es nicht um Marktdurchsetzungsmacht, uns geht es um Bücher, die es wert sind, besprochen zu werden.


Die Liste ihrer ersten Auswahl an Literatur liest sich entsprechend, wie kommt sie eigentlich zustande?

Mangold: Nicht, indem Amelie und ich einen Tag vorher zwei Bücher mitbringen. Wir sind da in einem permanenten Lektüreprozess und im ständigen Austausch. Erst werden unendlich viele Bücher erwogen und plötzlich steht da eine Liste. Wir achten allerdings streng auf eine gute Mischung aus Genres, Nationalliteraturen und Tonfällen. Eine Grundbedingung gibt es aber: Es müssen natürlich Bücher sein, zu denen einer von uns beiden ein leidenschaftliches Verhältnis hat.

"Genauigkeit ohne Leidenschaft lässt kalt"


Was kann die Literaturkritik im Fernsehen, was sie in geschriebener Form nicht kann?

Mangold: Vor allem kann sie viel mehr Menschen erreichen. Und sie kann, wie in unserer Sendung, in dieser Zweierkonstellation zeigen, dass man verschieden über Bücher denken kann, ohne dass damit etwas über ihren Wert gesagt wäre.


Wie sieht es mit Genauigkeit und Leidenschaft aus? Für beides haben Sie den Berliner Kritikerpreis bekommen...

Mangold: ...und beides möchte ich im Fernsehen vereinen. Die reine Leidenschaft ohne die Genauigkeit wäre leeres Gerede. Umgekehrt, wenn man nur genau ist, ohne Leidenschaft, dann lässt es alle Herzen kalt.


Mit wie viel Sendungsbewusstsein muss ein Literaturkritiker ausgestattet sein, um sich vor die Kamera zu stellen?

Mangold: Tolle Frage! Ich liebe böse Fragen! Allerdings sind sie schwer zu beantworten (lacht). Hmm. Ich habe Spaß an der freien Rede vor der Kamera, so viel steht fest. Aber ich bin nicht der Meinung, dass die Welt ohne meinen eigenen Beitrag ein schlechtere wäre. Gleichwohl habe ich das Zutrauen, dass unsere Sendung eine vergnügliche Sache wird.


Text: Nikolaos G e o r g a k i s. Das Interview ist in gekürzter Form in der NRZ und der WAZ vom 9. Juli 2009 erschienen und vollständig auf DerWesten.de
Fotos: Susanne D i t t m a n n / ZDF


Info: "Die Vorleser" diskutieren zum ersten Mal an diesem Freitag (10. Juli) um 22.30 Uhr- und zwar im ZDF. Als Gast in ihrer ersten Sendung begrüßen Amelie Fried und Ijoma Mangold Walter Sittler. Der Schauspieler und Autor hat ein Buch von Erich Kästner im Gepäck, das er 2007 zu einem musikalischen Bühnenprogramm umgearbeitet hat. Die Liste der Bücher finden Sie unter diesem Link.

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