Montag, 20. Juli 2009

Filmnacht: Harry Potter extrem

Sechs Harry-Potter-Filme hintereinander, 20 Stunden lang - wer tut sich das an? Gefragt, getan. Dieses Blog in einem Dortmunder Kino  will vom Potter-Marathon berichten. Und damit keine Missverständnisse aufkommen: Den Autor hat der Zauberlehrling bislang kaum bis überhaupt nicht interessiert. 

Potterthon-Blog - Teil 1 

Rendezvous
mit einem Unbekannten


Das Bösartige am Leben ist ja, dass es einem jeden Wunsch von den innersten Gehirnwindungen abliest –  aber nur, um unser Sehnen als Karikatur wahr zu machen. Am Freitag dachte ich noch: „Mensch, ich könnte ja mal wieder ins Kino gehen.“ Heute stehe ich vor der größten cineastischen Herausforderung meines kleinen, gemeinen Lebens: Die Harry-Potter-Marathon-Filmnacht, kurz: Potterthon, im Dortmunder Cinestar.

Alle sechs Episoden über das Leben dieses mir gänzlich unbekannten bis gleichgültigen Zauberlehrlings in zwanzig Stunden. Wer macht denn so was, fragen Sie sich? Hab’ ich mich auch gefragt. Laut. In der Redaktionskonferenz. Nun bin ich derjenige, der sich heute ab 20 Uhr diesen Potterthon antut – nur um zu sehen, wer sich so was antut.

Fundiertes Nichtwissen

Und damit keine Missverständnisse entstehen: Ich gehe völlig unvorbereitet in dieses Aussitzen. Ich habe nicht eine Zeile dieser Harry Potter-Wälzer gelesen. Dafür verschwende ich alle Energie darauf, keine Rezensionen und keine Artikel zu lesen, die sich auch nur andeutungsweise mit Harry Potter beschäftigen. Bei Rowling denke ich immer noch zuerst an beschreibbare CDs und nicht an die britische Buchautorin und Potter-Erfinderin. Auch die Filme habe ich nicht gesehen. Ich kenne nur eine Reihe erwachsener Menschen, die regelrecht verrückt nach diesen Kinderbüchern sind – und nach deren Verfilmungen.

Mit wenigen Worten: Ich verfüge über ein fundiertes Nichtwissen, was diesen Zauberlehrling mit der Streberbrille angeht. Dafür habe ich eine Menge Vorurteile. Da wäre einmal dieses Harry-Gesicht. Auf dem Schulhof hätten wir diesem Bubi bestimmt das Pausenbrot geklaut. Harry hätte sich das gefallen lassen und die hübsche, aber mit Helferkomplexen beladene Hermine würde sich dann doch in Harry verlieben.

Nicht minder schwer wiegt meine Voreingenommenheit gegenüber dem Fantasie-Genre. Ich bevorzuge den Realismus, der in der Literatur schon mal magisch sein darf, ja. Aber im Kino bin ich ein fanatischer Anhänger des „Film Noir“, dieser französischen Filmgattung, in der die Welt nur von pessimistischen, doppelt- und dreifach gebrochenen Charakteren bevölkert wird.

Entsprechend meiner filmischen Weltanschauung, sehe ich auch schwarz, was die körperlichen Strapazen dieses Dauerguckens angeht: Rein prophylaktisch habe ich mir Augentropfen gekauft, die meine Augen feucht halten sollen; nicht, dass sich mir der Potter noch auf die Netzhaut brennt.

Was die Gefahr des Einschlafens angeht, überlege ich, der drohenden Müdigkeit ein Bataillon von Espresso- Schnippchen zu schlagen. Und zwar, indem ich mir das Prinzip des Nikotinpflasters zunutze mache und mir lauter kleine Filterkaffeebeutelchen mit Tesafilm an den Körper klebe.  Die Stützstrümpfe, zu denen mir besorgte Freunde geraten haben, werde ich dann aber doch nicht tragen. Aus ästhetischen Gründen. Thrombosegefahr hin oder her.

Schlimmer geht’s immer

Außerdem geht’s immer schlimmer. Ein Anruf bei der Guinness-Buch-Redaktion in Hamburg liefert schnell den Beweis: Im indischen Mathura sollen tatsächlich Menschen leben, die es bei laufendem Projektor 120 Stunden und 23 Minuten in einem Kinosaal ausgehalten haben. Zwischen den einzelnen Filmen waren nicht mehr als zehn Minuten Pause. Außerdem achtete der Filmvorführer streng darauf, dass die Zuschauer seine 48 Filme auch tatsächlich verfolgten – und nicht verschliefen. Ob er allerdings neben all den Bollywood-Schmachtwerken auch Harry Potter laufen ließ, konnte vor Beginn des Potterthons nicht mehr überprüft werden.

Das tut jetzt eh nichts zur Sache. Schließlich sind die Vorführer in Dortmunder gnädiger, erlauben ihren Gästen ein Nickerchen von 3.20 Uhr bis 5.40 Uhr. Daher ist folgende Frage viel, viel spannender: Wer kann mir einen Schlafsack leihen? Aber bitte welche ohne Harry-Potter-Aufdrucke.

Ab 20.30 Uhr geht's los. Bin gespannt, was mich erwartet.

Text: Nikolaos G e o r g a k i s

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