Samstag, 20. Juni 2009

Chris Killen und ein nägelkauender Untergeher im Vogelzimmer

Nennen wir das Erstlingswerk von Chris Killen schlicht großartig! Was der 28-jährige Brite da abliefert, ist fein ausbalanciert und sprachlich von einer Wucht, dass man glaubt, in den jungen Schreiber sei der alterswilde Thomas Bernhard gefahren – so viel Selbst- und Weltekel ist lange nicht mehr so eigenwillig, elegant und fesselnd formuliert worden. Nur eins verwundert: Warum das Buch bei uns nicht den Erfolg hat, den es in den USA und Großbritannien feiert.


Der Held, den uns Killen in all seinen seelischen Abgründen Seite für Seite entblättert, ist ein blasses, nägelkauendes Nichts; zumindest fühlt sich Will so und setzt seine ganze zerstörerische Energie daran, zu verschwinden, sich selbst zu zerstören - und alles, was ihn umgibt.


Gift, Galle und seelenloser Sex


Streng genommen ist dies aber kein Roman, sondern ein Selbstgespräch, ein reißender Reflexionsstrom aus einem beschädigten Leben voller Gift, Galle und Eifersucht. Und weil das Unvollkommene sich nur im Vollkommenen spiegeln kann, wird noch ein zweiter Will in die Geschichte eingeführt.

Will, der Künstler und Freund des Lebensuntüchtigen, malt Vögel, immer wieder Vögel und versteht sein Leben als ein Konzeptkunst. „Ich werde ein Mädchen dafür bezahlen, eine Beziehung mit mir zu führen, und dann mache ich Schluss mit ihr und dokumentiere die Sache in einer Ausstellung.” Soweit kommt es nicht. Stattdessen schläft der schräge Vogel mit Wills Freundin.


Wie es sich für die Cool-Britannia-Generation gehört, gilt es auch hier etliche Passagen mit seelenlosem Sex wegzulesen. Auffallend: Über zwanzig Mal wird das Adjektiv „kalt” benutzt, nur um dann wieder eine wärmende Metapher darum zu stricken. Und immer haben sie mit Helen, Clair und Alice zu tun, bei denen es sich durchaus um dieselbe Person handeln könnte.


Killens Debüt überzeugt nicht zuletzt auch dank seines schwarzen, wohl dosierter Humors, der jeglichen Anflug von Lesedepressionen verhindert; und so schaut man seinem Untergeher mit Lust beim Untergehen zu.

Chris Killen: Das Vogelzimmer. Taschenbuch, 160 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, 7.95 €


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