Samstag, 20. Juni 2009

Interview mit Siba Shakib zu den Unruhen im Iran

"Diesen Aufstand können nur Panzer Stoppen"

Frau Shakib, ähnlich wie die demonstrierenden Menschen auf Teherans Straßen, entdeckt der Protagonist in ihren Buch, ein kleiner Junge, die Macht der Worte. Das Regime will aber die Stimme des Volkes nicht hören – es setzt auf die Macht der Schlagstöcke. Welche Macht ist stärker?

Siba Shakib: Dass die Herrschenden im Iran mit Gewalt gegen die Bevölkerung vorgehen, ist keine neue Erfahrung, sondern eine traurige Konstante in der Geschichte des Landes. So sind die britischen Besatzer vorgegangen, so die Generäle 1953 (Anm: beim Sturz von Ministerpräsident Mossadeqh) und so hat es der Schah 1978/79 getan. Sie haben alle auf das persische Volk eingeknüppelt. Wir, und damit meine ich auch die Perser im Ausland, müssen nach Wegen suchen, um etwas in unserer Heimat zu ändern.


Haben die Proteste überhaupt ein klares Ziel?

Letztlich steht doch der gemeinsame Wunsch aller, frei und selbstbestimmt leben zu können. Das ist das höchste Ziel, darum geht es.


Hat Sie das Ausmaß der Unruhen überrascht und die Blitzartigkeit, mit der sie zum Ausdruck kamen?

Nein, hat es nicht. Im Iran brodelt es seit langem. Und zwar gewaltig. Die Menschen sind unzufrieden – sowohl mit der wirtschaftlichen, als auch mit den politischen Entwicklungen. Die Blitzartigkeit, von der Sie sprachen, erklärt sich dadurch, dass es den Herrschenden in Persien immer wieder gelungen ist, jegliche organisierte Formen von Opposition bereits im Keim zu ersticken.


Wird es dem Regime gelingen, die Proteste niederzuschlagen, so wie die Studentenunruhen vor zehn Jahren?

Sie können nicht zwei Millionen Menschen von der Straße knüppeln. Diese Proteste haben eine ganz andere Dimension, ja eine ganz andere Dynamik, als die der Studenten damals. Das ist ein Massenprotest, kein Aufstand des gebildeten Bürgertums und der Stadtbevölkerung. Das geht quer durch das ganze Land, quer durch alle Schichten. Wer diesen Aufstand beenden will, der muss schon Flugzeuge oder Panzer einsetzen.


Sie schließen also eine erneute Revolution im Iran nicht aus?

Vieles erinnert an 1979, als der Schah gestürzt wurde, auch dass die Demonstranten, wie damals, „Allah ist groß” skandieren. Und statt „Tod dem Schah”, heißt es nun „Tod dem Diktator”.


Befürchten Sie nicht einen Bürgerkrieg, wenn die Proteste trotz Demonstrationsverbots weiter gehen?

Wenn Sie mit Bürgerkrieg einen Kampf der Bevölkerung untereinander meinen, nein. Wenn Sie aber einen Krieg von regimetreuen Truppen gegen die einfachen Menschen meinen, dann sind wir längst im Krieg. Umso wichtiger ist es, dass die Welt jetzt nicht wegsieht. Öffentlichkeit ist der beste Schutz für die Menschen, die in großen Mengen auf die Straße gehen und sich den Schlägen der Milizionäre aussetzen. Solange die Welt hinsieht, wird es sich das Regime zehnmal überlegen, bevor es auf Demonstranten schießen lässt.


Was sind Ihre schlimmsten Befürchtungen in diesen Tagen?

Es wäre traurig, wenn es im Iran so weiter ginge, wie vor den Wahlen. Ich hoffe, dass die Energie und der Mut, den die Menschen jetzt zeigen, in Veränderungen münden wird und nicht wieder versiegt. Die Ankündigung des islamischen Wächterrats (Anm.: das höchste Kontrollgremium im Iran) die Stimmauszählung zu überprüfen, ist so ein Versuch der Beschwichtigung. Die Menschen im Iran haben aber genug von diesem System, es reicht ihnen, sie wollen wirkliche Veränderungen.


Lässt sich eine Theokratie überhaupt reformieren?

Ich glaube, dass alles und jeder sich verändern kann. Aber Ihre Frage ist berechtigt, denn die Religion, und ich möchte betonen, alle Religionen haben Grenzen, die Geistliche nicht überschreiten können. Somit haben auch Reformen in einer Theokratie ihre Grenzen. Am Ende muss und wird eine Trennung von Staat und Klerus stehen. Religion als Staatsform ist fehl am Platz.


Das wäre ein radikaler Systembruch, einer, der dem jetzigen Gegenkandidaten Mir Hossein Mussawi nicht unbedingt zuzutrauen wäre. Mussawi gilt zwar als Reformer, agiert aber als Teil des Regimes. Er war Außenminister des Iran und mehrmals Ministerpräsident ...

... und auch er hat Blut an den Händen, Sie haben vollkommen Recht mit Ihren Bedenken. Die Menschen scharen sich auch nur hinter ihn, weil er die Lücke im System ist, die Gelegenheit zur Veränderung, der erste Schritt, der alles zum Einsturz bringen kann. Egal ob Mussawi oder ein Anderer: Die zukünftigen Machthaber werden sich zwischen den Wünschen des iranischen Volkes und denen der religiösen Führer entscheiden müssen.

Text: Nikolaos G e o r g a k i s
Bild: Klaus-Reiner Kleibe, (c) Bertlesmann-Verlag

Erschienen in der Neuen Rhein/Ruhr Zeitung (NRZ) vom 18. Juni 2009

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