Montag, 16. März 2009

Das Attentat für aufmerksame Ohren

Wer sich mit Stauffenberg beschäftigen will, muss nicht unbedingt Tom Cruise oder Guido Knopp gucken.












Die Vielstimmigkeit in der Einleitung, die sich ins Wort fallenden Interviewfetzen, Gedichtverse und choralen Gesänge machen dem Hörer gleich in den ersten Minuten deutlich: Der Macher des Radio-Features „Stauffenberg. Eine deutsche Biografie" ist um Perspektivenvielfalt bemüht. Der Macher, das ist der Politologe Michael Marek, und ihm gelingt in diesen Tagen ein Kunststück: Er lässt beim Namen Stauffenberg aufhorchen, obwohl oder gerade weil die Deutschen - dem opulent auf der Kinoleinwand walkürenden Tom Cruise und Guido Knopp im Fernsehen sei Dank - sich derzeit im Übermythos des Widerstandkämpfers Claus Schenk Graf von Stauffenberg eifrig bespiegeln dürfen. Marek setzt einen Kontrapunkt, einen der zu erklären, nicht zu verklären sucht.

Die sorgsam recherchierten 75 Minuten rund um das Attentat in der Wolfsschanze sind unpathetisch, aber eine fesselnd erzählte Sequenz Zeitgeschichte. Der Autor des Features weiß genau um die Schwächen und Stärken seines Mediums. Er verwebt Zeitzeugenberichte, Rundfunkmeldungen und Tondokumente - etwa aus Freislers Schauprozess im sogenannten Volksgerichtshof gegen die Verschwörer - zu einem stimmigen Biografieklangteppich. Die Unstimmigkeiten im Leben Stauffenbergs, sein Bruch mit soldatischen Gewissheiten und Traditionen, ordnen die Interviews mit Historikern.

Mit der Tat des Gewissens eines Einzelnen und dem Putschversuch weniger Offiziere beginnt dieses Feature; mit deren Asche, die über Äcker verstreut wird, endet es.

Wenn er eine Pistole genommen hätte...

Die Chronologie der Erzählung wird immer wieder mit Details aus Stauffenbergs Leben (sein Verhältnis zum George-Kreis, seine anfängliche Kriegsbegeisterung und spätere Abscheu vor den Verbrechen deutscher Soldaten an Juden und der Zivilbevölkerung), unterbrochen. Die Verletzungen, die Stauffenberg bei einem alliierten Tieffliegerangriff in Nordafrika erleidet: eine erstaunlich kleine verbale Note.

Fest steht: Der Widerstand litt an „Personalmangel". Als es um die Reaktionen der Zeitgenossen auf das Attentat geht, genügt die Aussage des damals 21-jährigen Gefreiten und Augenzeugen des Attentats Kurt Salterbergs: „Wir waren alle ziemlich empört darüber [...] haben das Attentat als heimtückisch empfunden. Einfach nur 'ne Bombe abzulegen. Wenn der Mann 'ne Pistole genommen und geschossen hätte, dann hätte man noch Achtung vor der Tat gehabt."

Die aus heutiger Sicht merkwürdig elitären, vordemokratischen Vorstellungen, die im Kreis der Verschwörer von dem zirkulierten, was an Stelle des NS-Staates hätte treten sollen, werden ebenfalls thematisiert, aber nicht moralisierend. Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, schneidet diesen Debattenstrang mit zwei Wörtern ab: „Na und." Schließlich sei es jener Stauffenberg gewesen, der sich „zum kompromisslosen Motor der militärischen Opposition" wandelte. Den Helden, der ein Leben lang gut ist, den könne man sich zwar wünschen, wie Tuchel betont, mit Stauffenberg sei der aber nicht zu haben - auch wenn wir im Kino und im Fernsehen das Gegenteil vorgeführt bekommen.

"Stauffenberg. Eine deutsche Biografie", ein Radio-Feature von Michael Marek, 75 Min., der Hörverlag, 14,95 Euro.

Online-Extra: Hier eine Hörprobe!

Text: Nikolaos G e o r g a k i s
erschienen in der Neuen Rhein/Ruhr Zeitung (NRZ) vom 27. Januar 2009

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