Donnerstag, 11. Dezember 2008

Interview mit Pertros Markaris

Vor meiner Haustür beginnt die Hölle
GRIECHENLAND. Krimiautor Petros Markaris über die Ursachen der Gewalt, überforderte Polizisten und die Vergiftung des politischen Klimas.

Frage: Frage: Herr Markaris, was ist denn los bei Ihnen in Athen?

Petros Markaris: Die Hölle, es ist die Hölle sage ich Ihnen! Seit der Tötung des 15-jährigen Jungen durch einen Polizisten steht das Land in Flammen. Nehmen Sie das wörtlich. Und das Schlimmste daran ist, es erstaunt mich noch nicht einmal.

Frage: Sie wollen sagen, Sie haben es kommen sehen?

Markaris: Von meinem Balkon aus, wenn Sie wollen. Seit Jahren liefern sich im Stadtteil Exarchia die so genannten Anarchisten und die Polizei ein Katz-und-Maus-Spiel. Vor meiner Haustür beginnt quasi eine rechtsfreie Zone. Sobald ein Polizeiauto hier bei uns auftaucht, wird es mit einem Steinhagel von den Anarchisten begrüßt. Irgendwann musste irgendjemand die Nerven verlieren.

Frage: Aber das Ausmaß der Gewalt muss doch auch Sie überrascht haben. Griechenland gilt zwar als ein hochpolitisiertes Land...

Markaris: ...ich kann an Gewalt nichts Politisches erkennen.

Frage: Hat Ministerpräsident Kostas Karamanlis also Recht gehabt, als er "extreme Elemente" für die Ausschreitungen verantwortlich machte, deren "einziges Motiv die Gewalt und die Zerstörung" sei?

Markaris: Erst taucht Karamanlis in der Krise ab, dann macht er es sich wieder einmal viel zu einfach. Die Krawalle sind nicht zu rechtfertigen, aber sie sind erklärbar. Da kocht so viel Wut über, eine Wut die sich über Jahre hinweg bei den Jugendlichen angestaut hat. Sie werden von den Universitäten mit ihren Abschlüssen direkt in die Arbeitslosigkeit geschickt. Das frustriert ungemein. Außerdem: Diese Wut und Unzufriedenheit waren in den fast schon alltäglichen Ausschreitungen bei Fußballspielen und den Besetzungen von Universitäten vorher deutlich zu sehen.

Frage: Hinzu kommt die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise, die ja auch vor Griechenland nicht halt macht.

Markaris: Nein, natürlich nicht, die Chancen werden auf dem Arbeitsmarkt dadurch für die Studenten nicht besser. Und wenn diese Generation an hochqualifizierten Menschen ohne jegliche Zukunftsperspektiven dann sieht, dass eine ganze Schicht von korrupten Politikern, Beamten und Wirtschaftsleuten, die sich schamlos bereichern, hier ungestraft davonkommen, dann verliert das gesamte politische System an Legitimation. Nicht nur die Regierung Karamanlis. Wie gesagt: Gewalt ist nicht zu rechtfertigen, aber sie ist erklärbar.

Frage: Und wie erklären Sie sich als Kriminalbuchautor das Verhalten der griechischen Polizei? Ihr wird in dieser Angelegenheit kein gutes Zeugnis ausgestellt. Sie gilt als überfordert...

Markaris: ...sie ist überfordert, da gibt es nichts zu deuteln. Und sie ist unzureichend ausgebildet. Der Staat lässt die Polizei mit den Problemen der Gesellschaft vollkommen allein und indem er sie immer wieder als Versorgungsstätte für die eigenen Gefolgsleute missbraucht, schwächt er sie noch mehr. Erschwerend hinzu kommt ihre Tradition. Bis 1975 war die Polizei hier so etwas wie ein Staat im Staate, der für Repression und Willkür stand. Es wird noch lange dauern, bis die Polizisten auf den Straßen Athens lernen, wie man sich einem Bürger gegenüber zu benehmen hat.

Frage: Ist das der Grund, warum sogar manche Bürger die Krawalle ihrer Kinder, teils laut, teils leise, tolerieren? Neben Schülern, Studenten und Mitläufern sind sogar Rentner zu sehen, die mit Steinen nach Polizisten werfen. Geschädigte Ladenbesitzer schimpfen mehr auf die Ordnungskräfte als auf die Randalierer.

Markaris: Griechenland ist das letzte Bollwerk des real existierenden Sozialismus, nicht von seiner politischen Verfassung her, sondern von der Mentalität seiner Bürger. Immer ist der Staat an allem schuld und gleichzeitig soll er alles für seine Bürger regeln. Für uns Griechen gilt immer noch der alte Sartre-Satz: "Die Hölle, das sind die anderen". Nur dass meine Hölle direkt vor der Haustür beginnt.

Das Gespräch führte NIKOLAOS G E O R G A K I S,
erschienen am 9. Dezember 2008 in der
Neuen Rhein/Ruhr Zeitung (NRZ)
Foto: REGINE M O S I M A N N

Keine Kommentare: