Samstag, 13. Oktober 2007

Vom Strukturwandel im Buchhandel

Im Schatten der Buch-Giganten
Was macht die Stadtteilbuchhandlung, wenn sich nebenan Filialketten einen Verdrängungswettbewerb liefern?

Die Branchenriesen des Buchhandels expandieren. Kräftig. Voller Zuversicht in das Kultur- und Wirtschaftsgut Buch drängt es sie nun auch verstärkt von den Innenstädten in die Stadtteile. Auch in Essen Erst vergangene Woche eröffnete die Mayersche auf der Rüttenscheider Straße ihre zweite Niederlassung in Essen. 400 Quadratmeter, modern und hell eingerichtet. Angesichts des regen Zuspruchs in der ersten Woche zeigte sich die Filialleiterin Heike Blanke zufrieden: "Wir werden in Rüttenscheid gut angenommen. Die Kunden freuen sich, dass sie für ein Buch nicht mehr in die Stadt fahren müssen."

Müssten sie ohnehin nicht. Nur wenige hundert Meter weiter, Ecke Rüttenscheider- und Martinstraße, ist schon seit einigen Jahren die Filiale von Baedeker, inzwischen auch ein Großer. Die Niederlassungen des Essener Traditionshauses wurden im Jahr 2002 von der "Buch & Kunst"-Gruppe übernommen, die wiederum Anfang des Jahres mit dem Thalia-Verbund fusionierte.

"Die Großen sind noch richtig hungrig"

"Den großen Unternehmen im Buchhandel geht es derzeit gut. Die sind noch richtig hungrig", sagt ein Branchenkenner. Der Verdrängungswettbewerb unter den vier "Elefanten" (DBH-Holding mit Weltbild und Hugendubel, Thalia, Schweitzer Sortiment und Mayersche) erfasst immer mehr Stadtteile.

Auf die Frage, ob der Baedeker-Filiale in Rüttenscheid der neue Konkurrent vor der eigenen Haustür Sorgen bereite, heißt es dort lapidar: "Konkurrenz belebt das Geschäft." Zumindest sagt das der Geschäftsführer von "Buch & Kunst" in Dresden, Tom Kirsch, und fügt hinzu: "Wir werden um jeden Kunden kämpfen, was aber ein Gewinn an Service für die Verbraucher bedeuten wird."

Im Schatten der Gigantenkämpfe um Marktanteile versuchen die kleinen, inhabergeführten Buchhandlungen, sich von den Alles-im-Sortiment-Anbietern mit den großen Flächen abzusetzen, indem sie sich spezialisieren, ihre Nischen suchen.

Speziell ist nicht nur das Sortiment, das Susanne Böckler in ihren Regalen anbietet, sondern auch der Name ihres kleinen Ladens an der Rüttenscheider Straße 162: "Alex liest Agatha". Neben anthroposophischer Literatur findet der Kunde bei ihr eine große Auswahl an Kriminalliteratur, also nicht nur Agatha Christie. Darüber hinaus versucht Susanne Böckler mit Lesungen, etwa an Schulen, auch Jüngere für die Bücherwelt zu begeistern.

Ähnlich macht es "Buchkontext" im Girardethaus mit seinem Sortiment zu Fachthemen wie Arbeitswelt und Management oder die Buchhandlung "Schmitz Junior" in Werden, die sich auf Kinderliteratur spezialisiert hat. Beispielhaft auch die Buchhandlung "Proust" an der Akazienallee, die regelmäßig ihre Kunden mit Prominenten aus dem Kulturleben durch den "Bücherdschungel" führt. Trotz ihres Kampfgeistes will sich Beate Scherzer, Inhaberin von "Proust", keinen Illusionen hingeben: "Die aggressive Expansionsstrategie der Großen wird uns Kunden kosten."

Das ahnt auch Susanne Böckler: "Wer klein ist, muss umtriebig und einfallsreich sein", spricht sie sich und manch besorgtem Stammkunden Mut zu. "Die lieben ihre Buchhandlung um die Ecke."

Wenn die Menschen denn eine Buchhandlung finden, hätte man im Essener Norden bis vor drei Jahren sagen müssen. Als der Schriftsteller und Übersetzer Ralf Vogel dort für seine Arbeit Bücher suchte, gab es für ihn nur den Weg in die Innenstadt oder ins Internet. Schließlich eröffnete er 2004 mit seiner Frau Ines Bergfort das "Buchhaus" auf 54 Quadratmetern an der Altenessener Straße.

"Essen ist ein stark ausdifferenzierter Markt"

Seitdem prangt die trotzige Parole an seinem Schaufenster: "Der Norden liest." Niemand, so Vogel, wollte ihm damals glauben, dass in Altenessen ein Buchladen überleben kann.

Die Pionierarbeit hat sich für den engagierten Buchhändler gelohnt, er hat Konkurrenz bekommen. Die Filialkette Grüttefien, die ebenfalls zum Thalia-Verband gehört, eröffnete erst jüngst eine Filiale im Einkaufszentrum Altenessen.

"Keine Frage, die haben uns das Leben schwerer gemacht, aber wir sind mit unserer Kulturarbeit auch jenseits der Ladentheke gut in den Schulen und der Kulturszene vernetzt", gibt sich Vogel zuversichtlich. Auch wenn die Großen sich weiter expansionshungrig zeigen und Tom Kirsch von "Buch & Kunst" ankündigt: "Wir werden weitere Stadtteilbuchläden eröffnen; wir wollen wachsen."

Der NRW-Landesverband des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels beobachtet diese Entwicklung mehr mit Interesse als mit Sorge. Nordrhein-Westfalen liegt mit 1083 Buchhandlungen (Stand 2006) zahlenmäßig in Deutschland an der Spitze. Essen mit 36 Läden NRW-weit im oberen Drittel. Entscheidend sei, so Pressesprecherin Susanne Meinel, dass Essen über einen "stark ausdifferenzierten" Markt verfüge. Diese Vielfalt und Spezialisierung werde den kleinen Buchläden helfen, dem wachsenden Druck standzuhalten.

Dennoch bietet das Börsenblatt des Buchhandels auf der Frankfurter Buchmesse Veranstaltungen für kleinere Buchhändler an. Sie tragen Titel wie: "Nicht aufgeben!"


INFO:

ESSENS GROSSE. Der größte Buchladen Essens ist mit 5000 Quadratmetern die Mayersche gegenüber der Marktkirche. Das "Baedeker"-Haus an der Kettwiger hat 2000 Quadratmeter. Thalia will mit 1000 Quadratmetern ins neue Einkaufszentrum am Limbecker-Platz ziehen.


TEXT: NIKOLAOS G E O R G A K I S

Erschienen am 13. Oktober 2007, in Neuen Rhein/Ruhr Zeitung (NRZ)

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