Dienstag, 26. Juni 2007

Petros Markaris, ein Porträt

"Heimat? Was soll das sein"
Von Istanbul über Wien nach Griechenland: Beim Abendessen plaudert der Autor Petros Markaris über Nationalismus und Krimi-Literatur

Petros Markaris will nicht zum Griechen. Und weil in deutschen Kombüsen die Köche meist ab 22 Uhr wie vom Blitz getroffen den Kochlöffel fallen lassen, sitzen wir nach der Lesung beim Portugiesen. Der Exportschlager Griechenlands in Sachen anspruchsvolle Kriminalliteratur hat seine Lesereise in Deutschland fast abgeschlossen. Und jetzt hat er Hunger. Auch auf die Neugier seiner Leser, die er beharrlich zum Fragestellen animiert.

„Fragen sie ruhig, auch Privates“, sagt Markaris stets zu seiner treuen Fan-Gemeinde. Ebenso ausdauernd, ja geduldig gibt er Antworten. Arbeiten, das seien für ihn stets einsame Stunden vor dem Computerbildschirm. Unter seinen Lesern fühlt sich Markaris aber in bester Gesellschaft. Vor allem im deutschsprachigen Raum sind die Geschichten um und mit dem schrulligen, seltsam sympathischen Kommissar Kostas Charitos außergewöhnlich beliebt. Sein Erfinder kostet die Anerkennung aus. „Mit dem Erfolg ist es wie mit der Liebe“, sagt Markaris. Beides könne man nicht erklären. Genießen hingegen schon.

Nach zwei Stunden lesen und reden ist es aber auch gut. Petros Markaris hat wirklich Hunger. Er bestellt sich eine große Pealla-Pfanne, mit Fleisch. Und ein Bier. In einem einwandfreien Deutsch, das lediglich eine leise Note Wienerisch durchklingen lässt. Dann geht es ans Eingemachte. Es fallen unappetitliche Worte, wie Fremdenhass, Ausbeutung und Nationalismus. Markaris nimmt keine Serviette vor den Mund, wenn es darum geht, soziale und politische Missstände in seiner Heimat anzuprangern. „Der Kriminalroman ist der Sozialroman unserer Gegenwart“, davon ist Petros Markaris überzeugt.

Beim Wort Heimat stutzt der 70-Jährige Erfolgsautor. „Was soll das sein, Heimat?“, fragt der Sohn eines armenischen Vaters und einer griechischen Mutter . Dann nimmt er die Finger zu Hilfe, um die Markaris-Identitäts-Trinität zu erläutern. Sein linker Zeigefinger drückt gegen den Daumen. Dass ist Erstens: „Heimat als Geburtsort ist für mich Istanbul. Eine spannende, eine erotische Stadt“, schwärmt Markaris von der Metropole am Bosporus. Hier soll der mit steinzeitlichen Methoden ermittelnde Kommissar Charitos auch seinen von Markaris noch nicht geschrieben Fall lösen. Dann presst der linke Zeigefinger auf sein gegenüber auf der Rechten. Also Zweitens: „Heimat als Kultur ist für mich die deutschsprachige Kultur.“

Markaris kam nach Pogromen gegen die christliche Bevölkerung in Istanbul mit neun Jahren nach Wien, wuchs dort mit deutschersprachiger Literatur auf, verschlang regelrecht die Bücher von Karl May. Später, während und nach seinem Studium übersetzte er Bernhard, Brecht zuletzt Goethe. „Nur Theaterstücke, ich habe nie Prosa übersetzt“, unterstreicht Markaris. Und fügt hinzu: „Ich war theaterkrank.“ So krank, dass er in Griechenland gar mit seinen eigenen Bühnenstücken große Erfolge feierte.

Die literarischen Werke von Markaris selbst, wurden bislang in zwölf Sprachen übersetzt. Auf Deutsch sind seine Kriminalromane allesamt beim renommierten Diogenes Verlag erschienen. Auch der herausragende Erzählband „Balkan Blues“, wie der jüngst erschienener vierter Fall für den Kommissar mit den steinzeitlichen Ermittlungsmethoden. Titel: „Der Großaktionär“. Eine Kriminalgeschichte, die sich an zwei Handlungssträngen entlang entwickelt.

Da ist einmal vor Kreta die Schiffs-Entführung durch griechische Nationalisten, die gegen die Nato-Truppen auf den Balkan protestieren wollen. Passagier auf dem Kreuzfahrtschiff ist auch die Tochter des Kommissars. Gleichzeitig wird Charitos in Athen gebraucht, wo Menschen aus der Werbebranche im Namen einer gerechteren Welt umgebracht werden. Ob und wie das zusammenhängt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Außerdem sind wir bei Drittens, beim Griechischen. Heimat als Sprache ist für Petros Markaris Griechenland. Das Land, in dessen Hauptstadt er erst mit 28 Lebensjahren einwanderte und in der er sich bis heute wie ein Fremder fühlt. Das macht ihn zum Exoten, zum Unangepassten, ja manchmal wird er am Fuße der Akropolis als der ewige Nörgler beschrieben.

Der Krimi-Autor wiederum kritisiert unerschütterlich den naiven, fast fahrlässigen Umgang seiner Landsleute mit Phänomenen des Nationalismus, der, laut Markaris, auf dem gesamten Balkan seine Renaissance erlebt. In Hellas speziell macht er zudem eine unheilige Allianz zwischen Nationalisten und Kirche aus, die er für „vollkommen unzeitgemäß“ hält.

Ganz en passant verarbeitet er in seinem klug orchestrierten Krimi zudem einen bislang unbekannten Aspekt der griechischen Geschichte, der in Athen noch weiter heftige Kontroversen provozieren wird. Es geht um die Beteiligung griechischer Nazi-Kollaborateure bei Massakern der deutschen Besatzungstruppen an der Zivilbevölkerung während des Zweiten Weltkrieges.

„Griechen tun Griechen so etwas doch nicht an“, verzweifelt die Sekretärin im Buch an den Lebenslügen nationaler Selbstauskünfte. Hier nimmt Markaris die Rolle des Desillusionierers ein. „Wenn der Kopf eines Fisches stinkt, kann sein Schwanz nicht nach Meer riechen“, da ist er sich mit seinem Kommissar Charitos, über den er wie über einen guten Freund spricht, einig. Das gefällt ihm. Lachend würzt Markaris nach: „Der Satz hätte von mir sein können.“ Vielleicht wollte er deshalb seine Paella lieber mit Fleisch und nicht mit Fisch.

TEXT: NIKOLAOS G E O R G A K I S
Bild: REGINE M O S I M A N N

Erschienen am 25. April 2007, im Darmstädter Echo

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