Dienstag, 28. März 2006

Patrick Modiano - Unfall in der Nacht

Ein heilsamer Schock
ROMAN. „Unfall in der Nacht“ – Bei Patrick Modiano erscheint keine Begegnung zufällig

Das jüngste Werk von Patrick Modiano bietet keine großen Überraschungen, was für die meisten seiner Leser ein Grund zur Freude sein dürfte. Schließlich sind Déjà-vu-Erlebnisse eine Spezialität des in Frankreich als Klassiker zu Lebzeiten gehandelten Schriftstellers. Kein Autor widmet sich mit einer solchen Beharrlichkeit den unterschiedlichen Facetten des Erinnerns und seiner Widersprüche – zumindest nicht über zwanzig Romane hindurch. Den Ausgangspunkt seiner zumeist im Paris der sechziger Jahre angesiedelten Geschichten bilden stets Zufallsbegegnungen, in denen Modianos Figuren Schicksalhaftes zu erkennen glauben.

Gleich auf der ersten Seite ereignet sich der Zusammenstoß, der das Leben des namenlosen Ich-Erzählers aus den Bahnen wirft – besser gesagt: der sein bisher tristes Dasein erst auf das richtige Gleis stellt. Von einem Auto beim Überqueren einer Straße erfasst, kommt das 19 Jahre alte Unfallopfer zunächst nur langsam wieder zu sich. Der junge Mann ist bei Bewusstsein, doch der Schockzustand bewirkt, dass die Wirklichkeit nur bruchstückhaft zu ihm durchdringt. Oh!, die Fahrerin des Wagens trägt einen Pelzmantel. Hoppla!, mir fehlt ein Schuh. Mein Gott!, wer ist der Mann, der mir einen Briefumschlag voller Geldscheine übergibt? Noch im Krankenhaus liegend ist der Protagonist der Geschichte überzeugt: „Dieser Unfall in der letzten Nacht hatte sich nicht zufällig ereignet. Er bedeutete einen Einschnitt. Er war ein heilsamer Schrecken, und er war zur rechten Zeit passiert, damit ich einen neuen Anlauf nehmen konnte im Leben.“

Der französische Patient glaubt von derselben Frau angefahren worden zu sein, die ihn bereits als Schulkind nach einem ähnlichen Unfall umsorgte – und die ebenso spurlos wieder verschwand. Bald weiß er es besser, doch inzwischen liegen eine Menge Erinnerungen verstreut umher. Je genauer er sich zu erinnern versucht, desto verschwommener wird das Bild von diesem Schlüsselerlebnis im Einst. Die Puzzlesteine wollen sich nicht in ein stimmiges Ganzes fügen, die Willkür des Erinnerns folgt keiner chronologischen Ordnung. Schreiben stellt sich bei Patrick Modiano immer als ein zum Scheitern verurteilter Versuch dar, ein Stück Vergangenheit in die Gegenwart hinüberzuretten. „Das Vergessen frisst mit der Zeit ganze Abschnitte unseres Lebens auf“, schreibt Modiano.

Zum Erzählmodell des Franzosen gehört, dass seine Figuren mit dem „Unfall in der Nacht“ ein Leben fernab bürgerlicher Erwerbsbiographien führen. Ihre Lebenssituation ist verfahren, die Gegenwart ein schwankender Boden. Sie suchen nach Halt im Leben, sei es bei anderen Menschen oder in der eigenen Erinnerung. Und weil sie das Leben so erschöpft, durchzuckt sie von Mal zu Mal ein Déjà-vu, eine Erinnerungstäuschung. Dass sie bei allen Beschädigungen nie liederlich oder mitleidsbedürftig erscheinen, ist der Sensibilität zu verdanken, mit der Modiano seine Charaktere in dünnen Pinselstrichen ausmalt. Eine melancholische Grundierung, die seine Prosa so unverwechselbar macht. Das Wiedererkennen ist garantiert, Modianos Leser können sich auf die Lektüre seines neuen Buches freuen.

Patrick Modiano: „Unfall in der Nacht.“ Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Hanser-Verlag, 142 Seiten, 15.90 Euro.

Erschienen im Darmstädter Echo, am 27. März 2006.

Text: Nikolaos G e o r g a k i s
Bild: Hanser Verlag




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