Freitag, 22. August 2003

Patrick Modiano - Die kleine Bijou

Wenn alles von vorne beginnt „Die Kleine Bijou“ – Roman von Patrick Modiano

Der Text auf dem Buchrücken trügt. Nicht „die kleine Bijou“, die Heldin des gleichnamigen Romans von Patrick Modiano, ist auf der Suche nach ihrer verlorenen Kindheit. Es ist die Vergangenheit selbst, die sie unvorbereitet einholt. Eines Tages steht sie auf der Rolltreppe in einer belebten U-Bahnstation vor ihr – in Gestalt einer Frau, deren Haut an den Handgelenken so abgewetzt ist, wie der Kragen ihres verblichenen Regenmantels. Die kleine Bijou meint in dieser Frau die totgeglaubte Mutter wiederzuerkennen. Wir erfahren im Vorbeigehen den Vornamen des neunzehnjährigen Mädchens, Thérèse, die dem obskuren Objekt ihrer Erinnerungen heimlich folgt.

Diese sind zu Beginn noch sehr schwach. Doch Station für Station, Schritt auf Schritt, Haus um Haus wird das Mädchen zunehmend von der eigenen Assoziationskette gefesselt. Und mit ihr der Leser.

Patrick Modiano hat mittlerweile über zwanzig Romane veröffentlicht. Man hat aber das Gefühl, dass er immer wieder an der gleichen Geschichte weiterschreibt. Dass ist vielleicht ungewöhnlich, aber noch nicht außerordentlich. Es ist vielmehr die Art, in der Modiano seine Figuren mit einer Vergangenheit konfrontiert, an die sie sich selbst nicht erinnern wollen. Mit seiner unverwechselbaren, fein ausbalancierten Sprachmelodie erzeugt er eine diffuse Grundstimmung und Dichte, die sich wie Morgentau auf das Gemüt seiner Figuren legt. Unter dieser Schicht erscheint auch die Frau, die eigentlich noch ein Mädchen ist, in seinem jüngsten Roman verschwommen. Sie ist beschwert von einer zarten Melancholie, deren Kraft in der deutschen Übersetzung von Peter Handke erhalten bleibt, und die zwischen Desillusionierung und Fatalismus changiert.

Allein die Vorstellung, dass die Frau von der U-Bahn-Station ihre sie einst vernachlässigende und zurückweisende Mutter sein könnte, löst ein heftiges Déjà-vu-Erlebnis aus, mit dem das Verdrängte im Kopf „wieder von vorne beginnt“. Eine Kindheit kann man nicht wie einen Haustürschlüssel auf dem Nachhauseweg verlieren. „Ich war dieselbe geblieben“, lässt Modiano die sich wieder als die kleine Bijou fühlende junge Frau sprechen. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass aus dem kindlichen Vertrauen-Wollen und der Suche nach Zuflucht ein Nicht-Vertrauen-Können und der ständige Wunsch nach Flucht geworden ist. Der Moment, in dem Thérèse sich dessen gewahr wird, gehört zu den bewegendsten Abschnitten dieser unbedingt lesenswerten Geschichte. Die Darmstädter Jury hat den Roman zum Buch des Monats August gewählt.

Patrick Modiano: „Die kleine Bijou.“ Roman, aus dem Französischen von Peter Handke. Hanser-Verlag, 150 Seiten, 15,90 Euro.

Erschienen im Darmstädter Echo, am 22. August 2003

Text: Nikolaos G e o r g a k i s
Bild: Hanser Verlag

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