Dienstag, 9. Mai 2000

Griechenland und die Europäische Währungsunion

Griechenland auf dem Weg zum Olymp?
Das Land fühlt sich reif für die Aufnahme in die Währungsunion

Oberflächlichen Betrachtern erscheint der Weg Griechenlands in die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion als eine Erfolgsstory. Lange Zeit hatte es wegen der ökonomischen Strukturschwächen so ausgesehen, als ob die Bemühungen des Mittelmeerlandes um den Beitritt zur europäischen Einheitswährung vergeblich seien. Noch im Mai 1998, also ein halbes Jahr vor dem offiziellen Start des Euro, hatte das Land die so genannten Maastrichter-Kriterien weit verfehlt. Das Konvergenzprogramm, mit dem der sozialistische Ministerpräsident Konstantinos Simitis das „griechische Wirtschaftswunder“ eingeleitet hatte, trug aber schon damals die ersten zarten Früchte.

Inzwischen sehen einige internationale Beobachter in Griechenland einen europäischen Musterschüler. Die oftmals als träge bezeichnete Wirtschaft im einstigen Schlusslicht der Gemeinschaft wächst überdurchschnittlich. Die ehrgeizige Spar- und Konsolidierungspolitik der letzten Jahre hat das Haushaltsdefizit auf 1,9 Prozent des Bruttoinlandproduktes und die Inflationsrate auf einen historischen Tiefstand von 2,4 Prozent gedrückt. Vor diesem Hintergrund erscheint der Beitritt Griechenlands zur Wirtschafts- und Währungsunion im Jahr 2001 bereits als gesichert, auch wenn das Wirtschafts- und Finanzkomitee der Europäischen Kommission formell über den im März eingereichten Antrag Griechenlands erst noch befinden muß.

Wer diesen Weg Griechenlands anhand kritisch-fundierter Quellen ernsthaft nachvollziehen will, der kann sich auf das Buch „Griechenland auf dem Weg zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion.“ verlassen. In konzeptioneller Anlehnung an eine gleichnamige Konferenz 1998 in Hamburg, hat die Herausgeberin Mary Papaschinopoulou einundzwanzig aktualisierte Aufsätze von namhaften Wissenschaftlern zusammengetragen, die nicht nur eine wissenschaftliche Rückbetrachtung präsentieren, sondern auch Prognosen und Empfehlungen wagen.

In diesem Band wird dem Leser ein umfassender interdisziplinärer und praxisorientierter Blick auf für die Gesellschaft relevante Bereiche geboten, die von den Bemühungen zur Erreichung der Konvergenzkriterien erfasst und nachhaltig beeinflusst worden sind – angefangen von den fiskalpolitischen Maßnahmen, den damit verbunden Auswirkun-gen im öffentlichen Bereich bis hin zu den beitrittsbedingten Anpassungserfordernissen an das nationale Rechtssystem und zur Privatwirtschaft. Die im letzten Kapitel veröffentliche Podiumsdiskussion spürt die Meinungen der im Tagesgeschäft der Politik viel beschworenen „einfachen Bürger“ und ihre Reaktionen auf die oftmals kontrovers geführte Euro-Debatte auf.

Das Buch, realisiert durch die finanzielle Unterstützung der Europäischen Kommission sowie deutscher und griechischer Sponsoren, macht aber vor allem eines deutlich: Der Weg Griechenlands in die Europäische Währungsunion ist keine einzige, sondern eine vielschichtige und keinesfalls auf allen Gebieten mit Erfolg gekrönte Erfolgsgeschichte. Der prophezeite Beitritt zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion ist der erste zurückgelegte Abschnitt – ein Teilerfolg in einem von vielen Menschen als schmerzhaft empfundenen Modernisierungskurs des Landes. Es ist, wie es der ehemalige Präsident der Deutschen Bundesbank, Hans Tietmeyer, auf seine ihm eigene Art und Weise im Vorwort andeutet: Der nominellen muss die realwirtschaftliche Konvergenz erst noch folgen – ein Projekt, das unter anderem die Sanierung des maroden Renten- und Gesundheitswesens einschließt, und mit dem sich die nächste Regierung in der „Post-Euro“-Phase Griechenlands unweigerlich auseinandersetzen muss.

Mary Papaschinopoulou (Hrsg.): Griechenland auf dem Weg zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Wie kann von den deutschen Erfahrungen sinnvoll profitiert werden? Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1999, 331 Seiten, 98 DM.

Erschienen am 2. Mai 2000, in der Frankfurter Allgemeine Zeitung

Von Nikos G e o r g a k i s

Keine Kommentare: