Dienstag, 24. Januar 2006

Petros Markaris - Balkan Blues

Ganz unten
Petros Markaris hat den „Balkan Blues“ – in neun neuen Geschichten

Die im Soziologendeutsch als Globalisierungs- oder Modernisierungsverlierer euphemistisch umschriebene Masse der Unsichtbaren in den Großstädten dieser Welt bilden erneut das Personal im neuen Buch von Petros Markaris. Nur dass die Welt des Autors sich auf Griechenland, genauer: die Hauptstadt Athen beschränkt. Hierhin kommen zumeist Immigranten aus den angrenzenden Balkanstaaten, Pakistan und Nordafrika; besitz- und heimatlos gewordene Menschen, die sich mit halbseidenen Tätigkeiten auf dem Schwarzmarkt geradeso über dem trüben Wasser halten, in dem Gewalt, Prostitution und Kriminalität gierig nach Seelen und Körpern fischen. Bei Griechenlands berühmtestem Exportschlager in Sachen anspruchsvoller Kriminalliteratur bekommen sie einen Namen, eine eigene Geschichte – und stets Ärger mit dem Gesetz eines Staates, der sich ihrer nicht annehmen kann, nicht annehmen will.

Markaris fasst den Begriff Unterwelt nicht ausschließlich im kriminalistischen Sinn auf. In seinen Romanen, Essays und Erzählungen liegt stets sozialer Zündstoff begraben. So auch in seinem neuen Erzählband „Balkan Blues“. Leichen verschwinden unbemerkt aus Krankenhäusern, weil tote Illegale nun einmal egal sind – erst als sie auf Parkbänken präpariert auftauen, werden sie zum öffentlichen Ärgernis; Frauen werden mit Faustschlägen zur Prostitution gezwungen, weil sie ohne Ausweispapiere die Ausweisung in ein anderes Elend fürchten; Bettler auf offener Strasse verprügelt, ohne dass einer der gaffenden Zivilisten couragiert eingreift. Die im Dunklen, sieht man wohl, lässt sie aber angewidert links und rechts liegen. Was beim Einzelnen an Trägheit in den Gefrierkammern des Herzens lauert, kann sich auf gesellschaftlicher Ebene schnell zu einer menschenverachtenden Indifferenz ausweiten.

Der 1937 in Istanbul geborene Markaris beleuchtet gnadenlos die seelischen Abgründe sowohl auf der Schatten- als auch auf der Sonnenseite des Lebens. Bereits im seinem Buch „Nachfalter“ lässt er sein Souvlaki süchtiges alter ego, Kommissar Kostas Charitos, sprechen: „Gegen zwei Dinge im Leben habe ich eine unüberwindliche Abneigung. Gegen Rassismus und gegen Schwarze.“ Dieses vorurteilsbeladene Fossil im Polizeidienst, quält sich und seinen klapprigen Fiat Mirafiori durch die überfüllten Strassen Athens, ermittelt mit steinzeitlich rabiaten Methoden – und hat dabei am Ende immer wieder irgendwie Erfolg. Auch bei den Lesern außerhalb seiner Heimat. Aus diesem Grund wohl darf Charitos in zwei der insgesamt neun neuen Geschichten in „Balkan Blues“ die Fälle wieder auf seine Art lösen. In einem davon muss er allerdings mit einem Bin-Laden-phoben Geheimagenten aus den USA zusammenarbeiten, was erwartungsgemäß zu einem süffisanten Zusammenprall der Ermittlungskulturen führt. Vor allem, wenn vermeintliche Terroropfer eines natürlichen Todes sterben.

Die neun Geschichten werden auf 224 großzügig bedruckten Seiten im Rhythmus des Blues erzählt: Eingängige Refrains über die Schrullen des Kommissars, melancholische Grundstimmung vor den grauen Betonfassaden Athens und der bittersüßer Überlebenswille der Ausgegrenzten. Markaris begibt sich in seinen Erzählungen, die allesamt in der Zeit der nationalen Hysterie einer gewonnen Fußball-Europameisterschaft und im schweißtreibenden Olympiavorbereitungsfieber angesiedelt sind, im Stile eines Günter Wallraff nach „Ganz unten“. Und trotz des gehörigen Empörungspotentials zwischen den Zeilen, wird hier in der Regel keine klumpende Sozialromantik mit Multikulti-Moralinsoße serviert. Exemplarisch hierfür das „Kindermärchen“ über einen an seiner Einsamkeit verbitterten Rentner. Obwohl dieser der Ansicht ist, dass Griechenland „heutzutage von Albanern und Negern überschwemmt wird“, kümmert er sich um ein einsames farbiges Mädchen. Ihr Vater wird den Rentner ermorden. Aus Habgier.

Die Menschen sind selten besser als das Milieu, im dem Markaris seine Geschichten ansiedelt. Seine Charaktere sind gebrochen, in sich selbst widersprüchlich, tief in ihrer Seele verletzt. Gut und Böse bilden ein Amalgam, in dem der Leser nicht eindeutig seine Sympathien verteilen mag. In einigen Geschichten jedoch setzt sich bei Markaris völlig unvermittelt der Aufklärer im leidenschaftlichen Zyniker durch. Dann wirbelt dem Leser eine zwei bis drei Sätze dicke Puderzuckerschicht ins Gesicht, damit auch ja jeder die tugendliche Quintessenz der Geschichte zu schmecken bekommt – ganz so, als würde der Autor seiner Erzählkunst nicht trauen.

Markaris sollte inzwischen Routinier genug sein, um allein auf die Wirkungsmächtigkeit seiner Dramaturgie zu setzen. Denn der Reiz seiner variationsreichen Erzählungen liegt durchaus in den Sozialporträts über Glücksucher auf dem Bodensatz des Wohlstands, die der alles Menschliche zermalmende Alltag im Athener Großstadtchaos gründlich ausblendet. Markaris ist ein brillanter Chronist eines nicht nur für Touristen unsichtbaren Griechenlands. Auch hier gibt es unangenehme Realitäten, vor denen man die an weiße Sandstrände gewöhnten Augen nicht verschließen kann – und wegschauen gelingt einem nach der Lektüre dieses Bändchens immer seltener. Petros Markaris jedenfalls sieht sehr genau hin.

Petros Markaris: Balkan Blues. Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger. Diogenes, Zürich 2005. 224 S., 19,90 Euro.

Erschienen im Darmstädter Echo am 23. Januar 2006

Text: Nikolaos G e o r g a k i s
Bild: Regine M o s i m a n n





Link: Petros Markaris im Interview mit dem ZDF