Donnerstag, 19. Juni 2003

Interview mit Aris Fioretos

„Sprache ist die Identität des Schriftstellers“

„Wer erkunden will, was die Menschen antreibt,“ schreibt Aris Fioretos in seinem Roman „Stockholm Noir“ (dt. Titel „Die Seelensucherin“), „tut gut daran, die Aufmerksamkeit nicht auf seine eigene Person zu lenken.“ Wer hingegen nach den Gründen für den Erfolg dieses nun auch in Griechenland erschienenen Debütromans fragt, tut durchaus gut daran, die Aufmerksamkeit des Lesers für die kurze Dauer eines Interviews auf die Person des schwedischen Autors zu lenken. Aris Fioretos stammt aus einem griechisch-österreichischen Elternhaus, lehrte zuletzt an einer amerikanischen Universität Deutsche Literatur und lebt heute in Berlin. Mit dem vielsprachigen Schriftsteller und zukünftigen Kulturattaché der Schwedischen Botschaft in der Bundeshauptstadt sprach unser AZ-Korrespondent Nikolaos Georgakis.

AZ: Herr Fioretos, wie geht es Vera Grund, Ihrer Romanheldin, der „Seelensucherin“ aus „Stockholm Noir“, heute?

Fioretos: Danke der Nachfrage. Sie erfreut sich bester Gesundheit, als ob sie keinen Tag älter geworden wäre. Wie Sie wissen, spielt meine Geschichte um 1925; Vera sollte also inzwischen um die 100 Jahre alt sein. Das sieht man ihr aber nicht an, vielleicht weil sie in guter Gesellschaft lebt, liebevoll einsortiert in den verschiedensten Bibliotheken Schwedens, Deutschlands und nun auch Griechenlands.

AZ: Haben Sie Vera Grund nach Griechenland begleitet, etwa um sie auf Lesungen den griechischen Lesern näher vorzustellen?

Fioretos: Leider war es mir nicht möglich. Aber sie hat es auch alleine geschafft, ich meine, das Buch ist von der Kritik in Griechenland fast schmeichelhaft angenommen worden. Ich werde Athen im Herbst besuchen, um an einem anderen spannenden Projekt teilzunehmen.

AZ: Welches wäre?

Fioretos: Mein Verleger, Kastaniotis Ekdoseis, hatte vor zwei Jahren auf der Frankfurter Buchmesse die Idee geboren, eine „Globel Novel“ herauszubringen. Zwölf bis sechzehn Autoren sollen in ihrer Landessprache jeweils zwei Kapitel für einen gemeinsamen Roman schreiben, der wiederum in ihrer Sprache erscheinen wird. Wenn das gelingt, wäre dies in der Tat der erste globale Gesellschaftsroman. Bisher war das Projekt nicht weit voran gekommen, da man als Autor ohnehin allein arbeitet und dies in der Regel auch ganz gerne tut. Ich vermute, die meisten von uns waren der Meinung, es würde Kastaniotis kaum gelingen genügend Autoren zu finden, die bereit seien, die Kontrolle über ihre Geschichte einzubüßen, um sich mit Kollegen auf derselben Seite wiederzufinden. Aber die Griechen verstehen es, ein Angebot attraktiv zu machen und so ist das Projekt doch in Fahrt gekommen. Vielleicht auch, weil es in die Veranstaltungsreihe der Olympischen Spiele, genauer: der Kulturolympiade, eingebettet wurde – eine der wenigen Veranstaltungen, bei denen man sich als Autor einigermaßen gut Aufgehoben fühlen kann.

AZ: Sie sprechen von der Zukunft, halten es in Ihren Romanen aber gern mit der Vergangenheit. Woher stammt Ihre Vorliebe für das 20. Jahrhundert?

Fioretos: Ich gehöre zu denjenigen, die einen gewissen Abstand zum Gegenstand der Reflexion brauchen. Die Literatur braucht eine Armlänge Distanz zu den vorgefertigten Meinungen, um sie auf die Bretter zu schicken. Ich lege aber großen Wert darauf, dass mein Buch kein historischer Roman ist, auch wenn darin so manches historische Detail vorkommt.

AZ: Der akribische Rechercheaufwand, den Sie für Ihren Roman betreiben, ist dennoch unübersehbar.

Fioretos: Sicher. Der historische Roman ist aber, zumindest nach meiner Meinung, eine Gattung, welche die Wahrheit über eine bestimmte Zeitperiode verspricht. In meinem Buch geht es nicht so sehr um Wahrheit, als vielmehr um Wahrhaftigkeit. Und wer Evidenz erzeugen möchte, braucht Details. Wenn man, wie ich, Wirklichkeitsfetischist ist, dann sind die Elemente einer Epoche wichtig. Ich versuche diese Details, mit der Phantasie zu verbinden, um den Übergang von Authentizität zur Fiktion aufzuweichen. Innerhalb dieses neu entstehenden Raumes, können bestimmte Fragen der damaligen Zeit wieder neu besprochen werden.

AZ: Eine dominierende Frage des 20. Jahrhunderts war: Was ist der neue Mensch?

Fioretos: Eine Frage, die uns heute noch beschäftigt. Das Vokabular, die Terminologie hat sich geändert; im Prinzip stehen wir aber vor denselben Fragen, wie sie schon vor hundert Jahren formuliert worden sind, wir deuten sie nur anders. Ich versuche in diesem und in meinem neuen Buch („Die Wahrheit über Sasha Knisch“, Anm.d.Red), verschiedene kulturell bedingte Auffassungen vom Menschen zu verstehen und zu gestalten. Bei der Seelensucherin ging es um das Gehirn und die damalige Neurologie. Im neuen Buch geht es um das Geschlecht. Es ist richtig, dass ich versuche diese Bücher miteinander zu verbinden, und es wird hoffentlich irgendwann eine Trilogie daraus – eine biologische Trilogie, wenn Sie so möchten. Welcher Körperteil im letzten Buch im Vordergrund stehen wird, möchte ich Ihnen aber noch nicht verraten. Dazu bin ich zu abergläubig.

AZ: In „Stockholm Noir“ reist die in Berlin lebende Vera Grund in die schwedische Hauptstadt, um ihren Vater zu suchen und findet am Ende sich selbst. Wie wichtig sind für Sie Fragen der Identität?

Fioretos: Die Identitätssuche ist bei den meisten Menschen von Interesse. Wenn man meine Herkunft hat, die, auch wenn sie keine besondere sein mag, doch eine ziemlich europäische ist, stellt sich die Frage nach Identität fast schon naturgemäß. Lange Zeit dachte ich, ich müsste darauf eine abschließende Antwort finden. Heute, da ich bereits zum dritten Mal mein 40. Lebensjahr überschritten habe, ist mir klar geworden: Die meisten Antworten sind verkleidete Fragen.

AZ: Ihr Vater ist Grieche, die Mutter Österreicherin und sie selbst sind in Schweden geboren und dort aufgewachsen. Wie vereinigt man soviel Europa in einer Person?

Fioretos: Vielleicht über Sprache? Auch wenn man es mir nicht mehr anhören mag, meine erste Sprache war Deutsch. Zuhause wurde immer die Sprache meiner Mutter gesprochen, da meine Eltern kaum Schwedisch konnten. Ich habe aber sehr früh festgestellt, dass ich weder mein Aussehen, noch meinen Namen ändern konnte – ohne blonde Haare und einen „Svensson“ im Pass, blieb mir nur die schwedische Sprache übrig. Nach dieser kleinen Erhellung bestand ich darauf, dass wir zuhause Schwedisch sprechen. Daraus entstand die durchaus komische Situation, dass ich die sprachliche Autorität der Familie wurde und bereits mit zehn Jahren die Manuskripte meines Vaters für seine Vorlesungen in der medizinischen Fakultät Korrektur las. Somit musste ich sehr früh gewissen Anforderungen gerecht werden...

AZ: ...die Sie selbst heraufbeschworen hatten...

Fioretos: ... und die vom Ehrgeiz getragen wurden, besser als die Einheimischen, zumindest in ihrer Sprache, zu sein. Was umgekehrt bedeutet, dass man versucht nicht aufzufallen – kein Akzent, keine entstellte Syntax. Ein verrücktes Paradoxon, wonach man sich als Pfau zu camouflieren sucht.

AZ: Sprache als eine Art Täuschungsmanöver?

Fioretos: Ein Versuch, der natürlich zum Scheitern verurteilt ist. Sie können sich ihrer äußeren, biologischen sowie biographischen Merkmale nicht wie Abfall entledigen. Im Grunde ist dies die Situation, in der sich alle Emigrantenkinder befinden, weil sie in einem sprachlichen Milieu aufwachsen, in dem sie nach dem Blut-und-Boden-Prinzip nicht dazu gehören. Sich nach einer sprachlichen Identität sehnen, bedeutet dieses Prinzip aushebeln zu wollen. Dieser Wunsch ist bei mir noch immer sehr stark ausgeprägt, und mir scheint, es ist die einzige Identität, die ich als Schriftsteller annehmen möchte.

AZ: Demnach dürfte Ihre Heimat, zumindest was man im konventionellen Sinne damit verbindet, auf keiner der handelsüblichen Landkarten eingezeichnet sein. Wenn Sie ihr Griechisch-Sein am eigenen Körper verorten müssten, wo würden Sie es ausmachen?

Fioretos: Fangen wir bei der Zunge an, denn sie ist sicherlich schwedisch. In meinem Herzen, dürfte in irgendeiner der Kammern Wien zu finden sein. Mein Rückrat aber ist griechisch – davon bin ich überzeugt. „Kouragio“ ist vielleicht das schönste Wort das ich kenne. Ohne „kouragio“ keine Ideale, keine Treue, keine erträgliche Traurigkeit. Man kann dieses Wort nicht mit Tapferkeit übersetzen. Tapferkeit ist was anderes, etwas sehr martialisches. „Kouragio“ bedeutet für mich, ohne Rüstung einigermaßen aufrecht durch die Welt zu gehen.

AZ: Und was bedeutet Griechenland konkret für Sie?

Fioretos: Wenn man als Kind eines Griechen zur Welt kommt, muss man sich früher oder später zwangsläufig die Frage des „Nostos“ stellen. Die Nostalgie wurde in Griechenland erfunden, aber weil mein Vater wegen der Militärdiktatur nicht vor 1974 zurück konnte, hatte ich lange Zeit keine Möglichkeit, mit diesem Land eigene konkrete Erfahrungen zu verbinden. Griechenland war aber nie ohne Bedeutung, es hat bloß keine Referenz. Langsam hole ich dies nach, doch es ist ein Prozess, für den ich noch Zeit brauchen werde.

AZ: Ist das der Grund, warum Ihr Roman in Stockholm und nicht in Athen spielt?

Fioretos: Athen wird bestimmt irgendwann auftauchen. Der Grund, warum ich Stockholm als Ziel für Veras Reise ausgesucht habe, war mein ganz persönlicher Ehrgeiz. Ich hatte einige Bücher vorher geschrieben, aber „Die Seelensucherin“ bzw. „Stockholm Noir“ ist mein erster Roman, und ich wollte damit direkt in das Herz Schwedens vorstoßen. Dieses Buch ist insofern ein kühnes, oder besser: törichtes Vorhaben, da ich diese Stadt, die in der schwedischen Literatur spätestens seit Strindberg so mystifiziert und verklärt wird, mit einer Ein-Mann-Armee, genauer: mit einer jungen Frau aus Berlin, einnehmen wollte. Die Eroberung Athens wird sicherlich schwieriger sein.

Text: Nikolaos G e o r g a k i s
Bild: Cato L e i n

Das Interview ist am 16. Juni 2003 in der Athener Zeitung (heute: Griechenland Zeitung) erschienen.

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