Samstag, 14. April 2007

Harriet Köhler - Ostersonntag

Familie und andere Katastrophen
ROMAN. Mit „Ostersonntag“ gelingt Harriet Köhler ein eindrucksvolles Debüt.

„Nur Mut, Baby, komm schon, es tut nicht weh. Na los doch, tu es, dreh dich um. Worauf wartest du noch.“ Harriet Köhler kommt in ihrem ersten Roman gleich zur Sache - anstößig, anzüglich, anstachelnd. Und um es gleich vorweg zu sagen: Es ist ein fulminantes Debüt. Etwas selbstverliebt in der Sprache vielleicht, aber fulminant.

Die aufmunternden Worte zu Beginn gelten der verzweifelten Hausfrau Ulla. Durch ihre „kleinen biestigen“ Augen sieht der Leser im Spiegel das „verquollene Gesicht“ der Professoren-Gattin, starrt fiebernd auf das Handy auf der Suche nach Nachrichten vom Liebhaber, kurz: wird unfreiwillig in die Rolle des Voyeurs gezerrt. Diesem Sturzbach an mitreißend finsteren Monologen voller Selbsthass und diffuser Lebensangst kann sich nur entziehen, wer das Buch bereits nach drei Seiten wieder aus den Händen legt. Aber selbst dann wird es einen nicht mehr loslassen. Zu sehr unterscheiden sich Köhlers Schilderungen von dem, was man gemeinhin eine Familiengeschichte nennt.

Der dramaturgische Clou der 1977 geborenen Autorin besteht darin, die wirren wie isolierten Gedankenströme von Vater, Mutter, Tochter und Sohn geschickt in eine sinnige Handlung münden zu lassen. Etwa wenn die Mutter voller Verachtung auf ihren Mann Heiner, den pensionierten Professor für Insektenkunde, blickt. Bereits beim Frühstück hat Heiner mit seiner fortschreitenden Demenz zu kämpfen, versteckt sich hinter der Tageszeitung, deren Buchstabenreihen er nur noch unter größten Anstrengungen entziffern kann. Das Leben entgleitet ihm, Ulla stellt ihm wortlos einen Toast hin.

Auf das späte Resignieren der Eltern folgt das frühe Scheitern der Kinder. Ferdinand, der Sohn, wollte Dichter werden, schrieb sich aber in Germanistik ein, um auf Musikwissenschaft umzusatteln und später auf Philosophie. Am ergiebigsten war sein Kurzbesuch im Fach Mathematik. Hier erlangt er die Erkenntnis, dass sein Leben eine "Gleichung voller Unbekannten" ist. Ähnliches verspürt er bei den Frauen, bei denen er sich Trost holt. Ferdinand ist eine Karikatur vom ewigen Studenten, mit dem Harriet Köhler kein Mitleid verspürt.

Auch nicht mit der Tochter Linda. Die Zeitungskolumnistin muss sich ihre Kreativität mit Drogen und Alkohol erkaufen. Die größte Angst des Lifestyle-Zombies: „Als Tresenschlampe zu enden." Aber da gibt es ja den jungen Redaktionspraktikanten. Und den rettenden Zynismus: "Es ist egal, was du schreibst - Hauptsache, es ist gut erzählt.“

Harriet Köhlers Roman ist gut erzählt: Kraftvoll, beißend, voll mit Bildern, die man so noch nicht gelesen hat, streckenweise gar mit einem Schuss Melancholie garniert. Das Essen im elterlichen Haus am titelgebenden „Ostersonntag“ aber gipfelt im gegenseitigen Zufügen von neuen Verletzungen. Idylle? Auferstehung? Nicht in diesen Zeilen!

Harriet Köhler: „Ostersonntag“, Kiepenheuer & Witsch, 17,90 Euro.


Erschienen am 12. April 2007, in der NRZ





Text: Nikolaos G e o r g a k i s