Montag, 1. Mai 2006

Orhan Pamuk - Der Blick aus meinem Fenster

„Der Blick aus meinem Fenster“ von Orhan Pamuk
Einblicke in sein Selbstverständnis als Autor – Die Darmstädter Rede zum Ricarda-Huch-Preis

Endlich wieder als Schriftsteller wahrgenommen werden, nicht als Leitartikler – diesen Wunsch äußerte Orhan Pamuk in einem Interview kurz vor Beginn des Gerichtsverfahrens wegen „Beleidigung des Türkentums“.

Anfang des Jahres hat die Regierung in Ankara angesichts der breiten internationalen Empörung darauf verzichtet, dem kritischen Autor den Prozess zu machen. Gleichwohl hat der Hanser-Verlag auf das nicht nur wegen der türkischen Justizposse gestiegenen Interesses an den engagierten Wortmeldungen seines Autors reagiert.

In dem Sammelband „Der Blick aus meinem Fenster“ findet sich eine Mischung aus Aufsätzen, Reden, einer kürzeren Erzählung und jeder Menge Zeitungsartikel.

Bei den als „Betrachtungen“ deklarierten Essays handelt es sich meist um bereits veröffentlichte Texte. Einige Kostbarkeiten wiederum, wie etwa das Nachwort Pamuks zur türkischen Ausgabe der Werke Patricia Highsmiths, waren bislang unübersetzt geblieben.

Wertvoll für das Verständnis des Autors ist auch der Abdruck jener Rede, die Orhan Pamuk am 3. Oktober 2005 in Darmstadt anlässlich der Verleihung des Ricarda-Huch-Preises hielt. Nicht minder interessant: Die Friedenspreis-Rede, gehalten ebenfalls im vergangenen Jahr.

Geordnet werden die 30 Essays nicht chronologisch, sondern unter Leitthemen wie „Das Leben ist ein gute Ausrede für Bücher“ oder „Die Politik lenkt zu sehr ab“.

Auf das Verfahren selbst, das gegen ihn angestrengt wurde, geht der Autor nur in einem einzigen Text ein. Die kafkaesken Ausmaße dieser Vorstellung andeutend, ist der Artikel mit „Der Prozess“ übertitelt.

Orhan Pamuk gesteht hierin eine gewisse Scham, die ihn erst zum Schweigen brachte, die sich danach aber in trotzige Verzweiflung umkehrte: „Ich lebe in einem Land, das seine Generäle, Polizeioffiziere und Staatsmänner schon zu Lebzeiten bei jeder sich bietenden Gelegenheit würdigt und ehrt, seine Schriftsteller aber mit Gerichtsverfahren und Haftstrafen plagt.“

Wenn Pamuk den Blick aus dem Fenster seiner Wohnung in Istanbul richtet, dann gewährt er seinen Lesern innere, ja fast intime Einblicke über sein Privatleben und sein Selbstverständnis als Schriftsteller, als türkischer Staats- und Weltbürger, als Sohn eines stolzen Patriziers und als stolzer Vater einer Tochter.

Wir erfahren, warum der immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelte Schriftsteller kein Maler oder Architekt geworden ist oder warum ihn Nationalfahnen Angst machen. Die autobiografischen Notizen aus seinen Romanen werden in seinen Essays zu biografischen Feuilletons.

Der Sammelband endet mit den heimlichen Tränen der Mutter, die der kleine Ali, das sechsjährige Alter Ego Pamuks, in der Erzählung „Aus dem Fenster schauen“ erst im letzten Satz entdeckt. Der Vater ist ohne eine Nachricht auf nach Paris, um dort sein Glück als Lebemann zu versuchen. Zurück bleibt eine ratlose Familie.

Das Leben verlagert sich ins Anderswo, irgendwo draußen auf der Straße, wo kein Mensch mehr den anderen kennt. Hier, inmitten dieser intimen Anonymität seiner geliebten Stadt Istanbul, findet Pamuk seine Geschichten. Hier ereignen sich die Dinge, über die kein Autor schweigen sollte. Orhan Pamuk ist auch als Leitartikler ein brillanter Schriftsteller.

Orhan Pamuk: Der Blick aus meinem Fenster. Hanser 2006, 264 Seiten, 21,50 Euro

Erschienen am 29.4.2006, im Darmstädter Echo



Text: Nikolaos G e o r g a k i s
Bild: Hanser Verlag

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