Samstag, 8. November 2003

Aris Fioretos: Die Seelensucherin

Von der Seele zum Bewusstsein
ROMAN. Zweifelsohne: Aris Fioretos hat sich mit seinem Debütroman „Die Seelensucherin“ international profilieren können. Auch in Griechenland, wo das Buch im schwedischen Originaltitel „Stockholm Noir“ erschienen ist.

Aris Fioretos ist indes kein unbeschriebenes Blatt. Der lange in den Vereinigten Staaten Deutsche Literatur lehrende Schwede aus griechisch-österreichischem Elternhaus, hat vor seinem Debüt als Romancier mehre Prosa- und Essaybände veröffentlicht, sowie theoretische Arbeiten, in denen er sich mit Fragen der Hermeneutik und den Grauzonen des Unsagbaren beschäftigt. Hervorgetan hat er sich außerdem mit Übersetzungen von Hölderlin, Nabokov und Auster. In Deutschland und Schweden erschien vor zwei Jahren mit der „Seelensucherin“ sein erster Roman, der inzwischen auch in der griechischen Übersetzung von Grigoris Kondylis vorliegt.

Der griechische Verleger hat gut daran getan, das Buch unter dem schwedischen Originaltitel herauszubringen. Schließlich ist die in Berlin lebende Vera Grund, eine der beiden Protagonisten in diesem Buch, nicht auf der Suche nach dem, was wir Menschen oftmals unbedacht „Seele“ nennen. Tatsächlich setzt sie sich am 17. Dezember des Jahres 1925 in den Fernzug nach Stockholm, um dort nach ihren Vater zu suchen. Die schwedische Hauptstadt ist der jungen Frau dabei genauso fremd, wie der eigene Vater, den sie bisher nur einmal in ihrem Leben gesehen hat. Somit ist ihre Reise ins „Stockholm Noir“ auch eine Reise in die Dunkelheit der unbewussten Sehnsüchte, die Vera Grund auf diesen Weg geschickt haben.

Die Reise dauert insgesamt fünf Tage, vier Nächte und 384 Seiten – woraus schnell deutlich wird, dass sich der Autor seinem Stoff, seinen Motiven sehr langsam und behutsam annährt. Fioretos ist ein aufmerksamer Beobachter von Stimmungen und Details, die er prächtig zu schildern weiß, ohne sich darin zu verlieren. Er liebkost im Sinne Nabokovs geradezu das Detail, dreht es, wendet es und kann somit seine Geschichte immer wieder von neuen Perspektiven aus erzählen. Dabei ist diese eigentlich schon auf Seite 13 zu Ende. Dort angekommen erfährt der Leser, dass Vera ihren Vater nicht treffen wird. Buchklappe zu, Geschichte tot? Pustekuchen!

Es zeugt von Selbstbewusstsein, wenn ein Autor seine Geschichte mit dem vermeintlichen Schluss beginnt, um sie anschließend wieder neu aufzurollen. Eine Selbstsicherheit, die eine Überzeugung widerspiegelt, wonach es nicht nur auf die Art und Weise ankommt, wie Details beschrieben, sondern auch, wie sie miteinander verbunden werden.

Über diese Nahtstellen der Fiktion kreiert Fioretos eine Wirklichkeit, die den Leser fesselt, ohne ihn mit standardisierten Plots und schallen Pointen becircen zu müssen. Nein, sein biologischer Thriller ist mit so feinem Garn gesponnen, dass er es sich erlauben kann, die Erzählstränge offen zu legen – scheinbar zumindest. Denn natürlich kommt am Ende alles anders, und natürlich passieren Dinge, auf die wir Lesenden nur andeutungsweise, aber nie unzureichend vorbereitet werden.

Unzureichend vorbereitet – zumindest auf das Leben, das Fioretos in den dunklen Strassen Stockholms überzeugend, wie poetisch zu erhellen weiß – scheint lediglich die zweite Hauptfigur in diesem Buch: Professor Schaumberg. Mit der Einführung seiner Person, changiert der Roman von nun an zwischen der warmen, anteilnehmenden Perspektive Veras und der „leidenschaftslosen Präzision des wissenschaftlichen Blicks“. Und der Blick des Professors ist streng auf das Gehirn des Menschen gerichtet. Dort vermutet das zuerst gefeierte und später isolierte Genie der Medizin, den Sitz der menschlichen Seele. Als eines Tages ein Mann – Veras Vater – in seine Obhut überwiesen wird, der glaubt seinen Körper verloren zu haben, wähnt sich Schaumberg seiner „subatomaren Punktsubstanz“ näher denn je.

Freilich bleiben die Bemühungen des selbsternannten „Kranionauten“ fruchtlos – soviel kann verraten werden. Sein grandioses Scheitern markiert den Übergang von der Seelen- und Rassenbiologie zur Bewusstseinsforschung der Moderne. Und indem Fioretos in seinem intelligenten, wie anspruchsvollen Roman ein Stück Wissenschaftsgeschichte vom Ursprung der Hirnforschung erzählt, verweist er gleichzeitig damit auf die trostlose Leere, die unsere Vorstellungen von der Existenz einer wie auch immer gearteten Seele im menschlichen Bewusstsein geschaffen haben. Diese Leere mit Bedeutung zu füllen, ist eine der vornehmsten Aufgaben der Literatur.

Aris Fioretos: „Stockholm Noir.“ Übersetzung ins Griechische von Grigoris Kondylis, Kastaniotis Ekdoseis, 384 Seiten, 17€, ISBN: 960-03-3239-8

Aris Fioretos: „Die Seelsucherin.“, Übersetzung ins Deutsche von Paul Berf, DuMont Literatur- und Kunstverlag, 357 Seiten, 22,80€, ISBN: 3-7701-5352-9

Text: Nikolaos G e o r g a k i s

Erschienen in der Athener Zeitung (heute: Griechenland Zeitung), vom 7. November 2003


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