Dienstag, 26. Dezember 2006

Polizeipoeten

Von der Seele geschrieben
KULTUR. Tanja Woike arbeitet als Polizistin an der Borbecker Wache und schreibt in ihrer Freizeit Erzählungen. Eine ihrer Geschichten ist jetzt in einem Sammelband der Polizeipoeten erschienen.

Im Werbefilm des ZDF wirft sich ein gesichtsloses Kreidemännchen nach einer wilden Schießerei lässig in einen großen Fernsehsessel, drückt zwei Finger auf sein rechtes Auge, während der Schriftzug über ihm beteuert: “Wir sterben für gute Krimis.” Soweit die flotte Realität quotenfixierter Fernsehmacher.

Die Wirklichkeit der Polizeiroutine auf den Straßen ist da weitaus subtiler, bisweilen grausamer, abgründiger. “Jeden Tag den Tod vor Augen” - deshalb wohl dieser Titel des ungewöhnlichen Buchbandes, in dem 28 “Polizeipoeten” den alltäglichen Wahnsinn während ihrer Einsätze literarisch, aber authentisch verarbeiten. Tanja Woike ist eine von ihnen. Aus der Feder der Polizeiobermeisterin, die in der Borbecker Wache ihren Dienst ausübt, stammt eine leise, in fast schon sachlichem Ton geschilderte Begebenheit mit einem verwahrlosten Kind. Andere Autoren haben brutale Geiselnahmen, atemberaubende Verfolgungsjagden, den Tod eines Kollegen bei einem Routineeinsatz literarisch verarbeitet.

Verwahrlostes Kind im Lauf- und Saustall

Schreibt das Leben die besseren Krimigeschichten? “Zumindest die tragischeren”, antwortet die 33-jährige Polizistin, die zwar keinen “Tatort” oder andere Fernsehkrimis mag - “weil zu unrealistisch” - dafür aber gerne erfundene und schaurige Geschichten in ihrer Freizeit liest. Sie liest viel und sie liest schnell. “Dicke Bücher sind im Urlaub Pflicht”, sagt Tanja Woike. Und sie schreibt gerne. “In der Schule habe ich bei Aufsätzen manchmal so ausufernd erzählt, dass ich glatt das Thema vergaß.”

Nicht vergessen konnte die Polizistin das verwahrloste Kleinkind in seinem verdreckten Laufstall zwischen Pizzakartons, leeren Flaschen und stinkenden Müllsäcken. Die Mutter hatte es einfach allein gelassen. Tanja Woike musste das Kind aus seinem Lauf- und Saustall rausholen. Und tags darauf miterleben, wie die Mutter das Kind wieder mit nach Hause nahm. Das Gefühl von Ohnmacht, dass sie nach diesem Einsatz heimsuchte, verarbeitete die 33-jährige in ihrer Kurzgeschichte mit dem Titel “Machtlos”. Heute sagt sie: “Ich habe mir die Begebenheit regelrecht von der Seele geschrieben.” Und dann beim Internetportal der Polizeipoeten ins Netz gestellt. Anonym. Der Koordinator der schreibenden Polizistenzunft suchte dann ihr bewegendes Erlebnis und 27 andere Geschichten für den jetzt erschienenen Band aus der Menge der Internetpublikationen heraus. Somit war es vorbei mit der Anonymität.

Handkante saust wie ein Fallbeil hinab

“Auf meiner Wache wissen nur wenige, dass ich schreibe”, erzählt Tanja Woike. Sie sitzt in einem Rüttenscheider Café, plaudert über das Schreiben, über ihren Arbeitsalltag bei der Polizei und vergisst dabei ihren Latte macchiato, der hübsch aufgeschäumt vor ihr steht. Wenn die passionierte Reitsportlerin im Gespräch nach griffigen Ausdrücken sucht, dann krallen sich ihre Finger schon mal in der Luft fest. Und wenn sie einen rhetorischen Schrägstrich markiert, dann saust ihre linke Handkante wie ein Fallbeil von oben nach unten durch die Luft.

Die Körpersprache der Polizistin ähnelt ein wenig ihrem Schreibstil. Er kann emotional und äußerst präzise sein. “Im Job muss ich aber versuchen, das Elend nicht zu nah an mich herankommen zu lassen”, sagt die Frau, die gerne bei der Polizei arbeitet. Ambitionen für eine Karriere als Krimiautorin hegt sie nicht. Sie geht lieber auf Streife, ist gern draußen am Geschehen. In ihrem Beruf, sagt sie, wisse man nie, was einen täglich erwartet. Das sei spannender als jeder Fernsehkrimi.

Erschienen am 28. Dezember 2006, in der NRZ

TEXT: NIKOLAOS G E O R G A K I S

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