Montag, 17. November 2003

Ralf Dahrendorf - Neue Weltordnung

Appell an Bürgertugenden
Vorlesungen – Ralf Dahrendorf auf der Suche nach einer neuen Ordnung für das 21. Jahrhundert

Der Band versammelt sechs Vorlesungen, die Ralf Dahrendorf am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen gehalten hat – die erste Vorlesung fand nur acht Wochen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 statt. Dies ist deshalb erwähnenswert, weil die Anschläge von New York und Washington im Buch nur mittelbar vorkommen. Dahrendorf lässt seine Ausführungen nicht um die vielzitierte, aber noch nicht gefundene Neuordnung der internationalen Staatenwelt und ihrer Institutionen kreisen. Weltweit agierende Netzwerke von Terroristen stellen mögliche „äußere Gefahren“ dar, die nach Ansicht des Soziologen, die liberalen Grundstrukturen demokratisch verfasster Gesellschaften bedrohen können. Dahrendorf weiß aber, dass die demokratische Gesellschaftsform nicht nur äußere, sondern auch innere Feinde hat.

Bezeichnenderweise kommt Dahrendorf nicht auf Terroristen, Extremisten oder andere radikale Erscheinungsformen der Verweigerung politischer Liberalität zu sprechen, sondern appelliert an die bürgerlichen Tugenden eines jeden Einzelnen.

Als „unverbesserlicher Aufklärer“, wie er sich selbst bezeichnet, redet er gegen jegliche Form von Apathie und Desinteresse gegenüber den Phänomenen eines neuen staatlichen Autoritarimus an, die er in der jüngsten Zeit ausmacht. So wehrt sich der Autor gegen Parolen in der aktuellen Tagespolitik, wonach es etwa „keine Rechte ohne Verantwortlichkeiten“ geben könne. Pflichten und Verantwortlichkeiten stehen für Dahrendorf aber streng für sich, weshalb die Meinungsfreiheit oder das Wahlrecht nicht etwa vom Steuernzahlen oder der Bereitschaft, einen Arbeitsplatz anzunehmen, abhängen dürften.

So gesehen, ist Dahrendorf nicht auf der Suche nach einer neuen Ordnung, sondern nach Möglichkeiten, mit denen sich die alten Demokratien der westlichen Zivilisation gegen innere Zerfalls- und Ermüdungserscheinung schützen können. Dahrendorf will den Aus- und nicht den Abbau von Bürgerrechten. Die „Verfassung der Freiheit“ könne nach seiner Überzeugung nur Bestand haben, die „offene Gesellschaft“ nur offen gehalten werden, wenn Freiheit als Tätigkeit in einer aktiven Bürgergesellschaft verstanden und gelebt wird.

Dem kann der Leser wohlwollend folgen, da die Vorlesungen nicht für professorale Vorhaltungen missbraucht werden. Die Abhandlungen sind in einer sehr leicht verständlichen aber nie ins Schwatzhafte abdriftenden Sprache gehalten. So bleiben diese Zeitbetrachtungen eine anregende Lektüre, die zu einer weitergehenden Beschäftigung mit den in diesem Buch aufgeworfenen Fragen einladen.

Ralf Dahrendorf: „Auf der Suche nach einer neuen Ordnung.“ Eine Politik der Freiheit für das 21. Jahrhundert. Verlag C.H. Beck, 160 Seiten, 14, 90 Euro.

TEXT: NIKOLAOS G E O R G A K I S

Erschienen am 17. November 2003, im "Darmstädter Echo"

Keine Kommentare: