Mittwoch, 22. Januar 2003

Nikos Panajotopoulos - "Die Erfindung des Zweifels"

„Die Erfindung des Zweifels“
Ein satirischer Roman über Literatur zwischen Genie und Genetik

„Erzähltalent“, schrieb der amerikanische Dramatiker Thornton Wilder, „ist das seltenste Talent im 20. Jahrhundert.“ Im 21. Jahrhundert, wie es uns Nikos Panajotopoulos schildert, genügt ein kleiner Piekser in die Fingerspitze eines Menschen, um innerhalb weniger Stunden herauszufinden, ob dieser das „gottgegebene Talent“ zum Schreiben hat oder nicht.

Diese Idee von der Zukunft der Literatur im Spannungsfeld zwischen Genie und Genetik bildet den Erzählstrang in diesem Buch, doch sie erschöpft sich nicht darin. Vielmehr skizziert der griechische Schriftsteller auf weniger als zweihundert Seiten den Tod jeglicher Subjektivität und damit der Literaturkritik.

Nikos Panajotopoulos versetzt uns ins Jahr 2054, das Jahr, in dem der Gen-Test des Dr. Zimmermann zwar nicht die ganze, so aber doch die literarische Welt verändert hat. Die Autorität des Erbguts ist fortan über alle Zweifel an den künstlerischen Fähigkeiten eines Schriftstellers, Bildhauers oder Malers erhaben.

Bald beherrscht der Test die gesamte Literaturszene, denn „das Gen des Zweifels“, so der Originaltitel des Buches, ist in jedem Menschen. Alle möchten die absolute, die wissenschaftlich begründete, letztlich objektive Gewissheit über die Qualität eines Werkes.

Doch wo die Sprache Gottes im „Buch des Lebens“, im Erbgut des Menschen entschlüsselt ist, bedarf es keiner Götter mehr auf dem Olymp der Literaturkritik. Die entthronten Kritiker fungieren als Werbetexter für die wenigen übrig gebliebenen Großverlage.

In der schönen neuen Welt des Nikos Panajotopoulos entscheiden nicht Rezensionen über den Ruhm eines Schriftstellers, sondern eine einzige Blutprobe. Und diese teilt die Welt der Literatur in Bestätigte und Annullierte ein.

Zu den Annullierten zählt auch der tragische Held dieses Romans. Weil sich der Schriftsteller James Wright beharrlich dem Zimmermann-Test verweigert, lehnen es die Verlage ab, seine Bücher zu drucken.

Schlimmer noch: Sein einstmals gefeierter Roman, wie auch seine übrigen Werke, werden eingestampft und mit ihm seine Existenz als Schriftsteller. Es folgt der finanzielle, psychische und physische Verfall, der Wright erst an den Rand des Wahnsinns und dann in ein heruntergekommenes Hotel spült.

Dort lernt er die Prostituierte Patty kennen, die ihn wieder zum Schreiben inspiriert. Gegen den Rat dieser Frau lässt sich Wright jedoch auf einen Pakt mit Mephisto ein, der in Gestalt des ehemaligen Starkritikers Sigmund Boyd erscheint.
Hungrig danach, sein Leben als Schriftsteller wieder Zeile für Zeile zurückzuerobern, betätigt er sich für einen positiv getesteten, aber schreibfaulen Jüngling als Ghostwriter. Doch der grandiose Erfolg seiner Bücher weckt den Neid und die Missgunst des genetisch begünstigten Wunderkindes.

Panajotopoulos hat das Geschehen seines Romans zwar in die Zukunft gelegt, doch sein fantastischer Realismus zielt auf die Gegenwart. Die satirischen und grotesken Szenen in „Die Erfindung des Zweifels“ sind ein nur schwach verklausulierter, aber intelligenter und witziger Seitenhieb auf den Literaturbetrieb mit all seinen eitlen, marktökonomischen und moralischen Verwerfungen.

Panajotopoulos verzichtet auf plumpe Identifikationsangebote für seine Figuren und gibt dem Leser mit seiner nüchternen Sprache den nötigen Raum für Interpretationen. Dass der Mensch mehr als die Summe seiner Gene ist, genügt uns als Vorstellung, um alle Zweifel an das eige-ne und das Können anderer zu akzeptieren.

Somit handelt dieses empfehlenswerte und zudem sorgfältig übersetzte Buch weniger von der Erfindung als von der Wiederentdeckung des Zweifels.

Erschienen im “Darmstädter Echo”, am 20. Januar 2003

TEXT: NIKOLAOS G E O R G A K I S

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