Freitag, 26. April 2002

Nikos Themelis - Jenseits von Epirus

Lohn und Strafe für den Menschen
ROMAN. „Jenseits von Epirus“ – Nikos Themelis verbindet Lebensgeschichten zum idealen Modell einer friedlichen Gesellschaft

Über Nikos Themelis wissen wir nicht nur, dass er zu den talentiertesten Romanciers Griechenlands zählt, der mit seinem nun ins Deutsche übersetzen Debüt-Roman „Jenseits von Epirus“ seit über zwei Jahren die Bestsellerliste in seiner Heimat anführt. Der Autor ist auch Berater des griechischen Premierministers. Aber man muss derlei nicht wissen, um sich der Qualität des Werkes zu vergewissern. „Jenseits von Epirus“ ist ein in seiner Dramaturgie raffiniert konstruierter Roman, mit einem abwechslungsreichen Tempo und Sprachklang. Was konventionell beginnt als eine typische Story vom Sohn, der seinen verschollenen Vater sucht, entwickelt sich schnell zu einem Potpourri verschiedenartigster, fesselnd verbundener Lebensgeschichten.

Die zentralen Figuren tragen eine tiefe Sorge in sich, ein unaussprechliches Geheimnis, das sie in ihrem Leben antreibt, das sie aber auch lähmt. Das Unaussprechliche lässt sie zueinander finden und entfremdet sie zugleich. So bleibt das Leben ein ständiges Suchen nach der Wahrheit in einem selbst, die sich nur im Gegenüber entfalten kann. Und wenn sich diese seltenen Augenblicke offenbaren, wenn sich das so innig Erwünschte im hart erkämpften Licht der Realität entblößt, dann wird es doch niemals kitschig. Es gehört zu den gelungensten Elementen in diesem hervorragend geschriebenen Roman, dass die Menschen zwar schicksalhaft agieren, aber sie nicht das Schicksal für sich handeln lassen. Es sind stets die Individuen selbst, die sich zu ihrer Taten bekennen, die dafür belohnt und gepeinigt werden. Beides nehmen sie in Kauf.

Irritierend erscheint es hingegen, wenn Nikos, die zentrale Gestalt in diesem Roman, stets moralisch und aufrichtig handelt. Was er tut, tut er gelassen, mit Umsicht und weiser Voraussicht. Es ist gut, dass Nikos als Mensch mit Prinzipienfestigkeit und Tugenden beschrieben wird. Arg moralisierend wirkt es jedoch, wenn sich dieser Mensch nicht nur als Souverän seines Handelns versteht, sondern souverän das Handeln der anderen beeinflusst. Hier ist Themelis ein literarischer Politikberater, der offen die Werte Freiheit und des Fortschritts predigt. Das Übermaß an Aufgeklärtheit resultiert sicherlich auch aus dem historischen Kontext heraus, in dem der vielfach ausgezeichnete Autor seine Geschichte ansiedelt. „I Anasitissi“, „Die Suche“, wie der Roman im griechischem Original heißt, des jungen Nikos nach seinem Vater, kann stellvertretend auch als die Suche des jungen Griechenlands im ausgehenden 19. Jahrhunderts nach seiner nationalen Identität gesehen werden.

Es ist die Zeit der nationalen Befreiungskriege der Griechen vom Osmanischen Reich, das griechische Großbürgertum und ein neues, westeuropäisch geprägtes Selbstbewusstsein entsteht; es ist aber auch die Zeit, in der eine alte Weltordnung zusammenbricht und eine neue mit viel unnötig vergossenem Blut und Tränen entsteht.

Themelis lässt gegen Ende des Buches Nikos zivilgellschaftliche Reflexionen über das friedliche Zusammenleben von Völkern entfalten, die damals tatsächlich schon von Morais und anderen griechischen Intellektuellen vertreten wurden. Das Konzept der Zivilgesellschaft wurde dabei über das nationalstaatliche Prinzip gestellt und sollte dort für eine gemeinsame Identität sorgen, wo „alle friedlich miteinander lebten, und niemand wollte, dass Zwietracht sie spaltete.“

Dieses hervorragend geschriebene Buch macht uns auch darauf aufmerksam, dass niemals abstrakte Nationen handeln, sondern immer nur Menschen. Und diese müssen Wege finden, friedlich zusammenzuleben. Sowohl in als auch jenseits von Epirus.

Nikos Themelis: „Jenseits von Epirus.“ Roman, Aus dem Neugriechischen von Norbert Hauser. Piper Verlag. München. 382 Seiten, 22,90 Euro.

Erschienen im Darmstädter Echo, am 15. April 2002

Text: Nikolaos G e o r g a k i s

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