Sonntag, 27. Februar 2000

Gebrauchsanweisung für Griechenland

Ein oberflächlicher Beobachter

Es gibt Ratgeber für alle nur erdenklichen Lebenslagen: Für den Lebenspartner im trauten Heim, für den Rasenmäher in der Garage und neuerdings auch Wegweiser für Wegweiser. Der Piper-Verlag hat pünktlich zum Sommer eine Buchreihe herausgegeben, die sich als Ratgeber für Nationen ausgibt und doch nur das ist, was Ratgeber nun einmal sind: Frustrierend, unverständlich und manchmal sogar überflüssig.

Ähnlich verhält es sich mit dem Buch, das sich dem maritimem Hellas widmet. Martin Pristl, eine junger Journalist und Reisebuchautor, hat in seiner "Gebrauchsanweisung für Griechenland" ein seichtes Plauderbändchen geschrieben. Zugeben: Es liest sich wesentlicher amüsanter als jede Gerätebeschreibung für Radiowecker. Die Zeit aber scheint bei Pristl auf ewig stehen geblieben zu sein. Während "seine zweite Heimat" längst dabei ist sich den Lächerlichkeiten der konsumrauschenden Postmoderne auszuliefern, da bedient sich der Verfasser mehrerer Reisebücher über Griechenland verstaubter Ressentiments über "die Griechen", die, so wird gönnerhaft vorgetragen, "den lieben langen Tag im Kafenion sitzen, die höchsten EU-Zuschüsse kassieren, die wenigsten Steuern bezahlen, ein paranoides Verhältnis zur Türkei haben und die ihre Kinder bei der Taufe schier ersaufen".

Die Oberflächlichkeit, die ein gewisses Maß an Charme über die vermeintlichen Schwächen der griechischen Volksseele versprühen soll, ist gewollt und bedenklich zugleich. Dann wenn der Generalist Pristl nämlich behauptet, der langjährige Zypernkonflikt sei deshalb noch nicht gelöst, weil Griechen und Türken nicht in der Lage seien, „sich an gemeinsam an einen runden Tisch zu setzten und Tacheles zu reden“. So etwas zeugt nicht nur von Naivität, sondern grenzt schon an Schwachsinn.
Die witzige Zahlen- und Wortspielereien, das originelle Lexikon und die Karikaturen machen dieses Buch zur idealen Lektüre für den schweißtreibenden Cluburlaub.

Zwischen künstlich angelegten Bootsstegen und Sirtaki tanzenden Dorfbewohnern als Highlight für das Abendbuffet, läßt es sich angenehm über die Griechen lachen. Einmal mehr werden diese hier als unzuverlässige aber durchaus liebenswerte Chaoten beschrieben, die immer noch um den Anschluß an Europa und ans aktuelle Ökobewußtsein kämpfen - diese Meinung klebt leider immer noch hartnäckig in nordischen Gehirnwindungen.
Wer hingegen unbefangen urlauben möchte, der sollte dieses Buch erst in Griechenland lesen. Also dort, wo sich jedermann vom Gegenteil überzeugen kann. Sonst sucht der Hellas-Neuling noch verzweifelt nach den nostalgischen Kafenions, in denen alte und stolze Patriarchen ihr Komboloi schwingen, während ihre treudoofe lächelnde Frau das Essen zubereitet. Die grellen Neonlichter, die jungen Menschen und die dumpfe Techno-Musik in den zeitgenössischen Designer-Cafes, die inzwischen in jeden noch so kleinen Dörfchen in der Provinz den Ton angeben, könnten den Urlauber glauben lassen, er hätte seine Bedienungsanleitung nicht verstanden.

Pristl versucht mit dem Mythos glänzender Sonnenuntergänge und strahlend weiser Badebuchten zu brechen. Er will hinter die Tempelsäulen schauen und begibt sich auf die Suche nach "seinem Griechenland". Voller Überschwang kündigt er an, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit über diese ihm immer noch seltsamen erscheinenden Griechen (weil sie an Ostern mit Krachern und Böllern werfen) zu beschreiben. Tatsächlich bedient er bloß ausgelutschte Klischees. Somit ist sein Buch eine Gebrauchsanweisung für all diejenigen geworden, die noch immer glauben wollen, daß man vom Athener Flughafen mit dem Esel zum Hotel in die Innenstadt muß. Ein Buch über das man schmunzeln kann, ist es allemal. Die Wahrheit über Griechenland sieht aber ganz anders aus. Aber wer will die schon während der wohlverdienten Urlaubstage hören, geschweige den lesen.

TEXT: NIKOLAOS G E O R G A K I S

Erschienen in der "Athener Zeitung", am 26. Februar 2000

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